Bundesamt für Veterinärwesen BVET

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Achtung Tier - Was sagt das Gesetz?

Die Warnung "Achtung Tier" kann unterschiedlich verstanden werden und soll es auch. Es kann die gebotene Vorsicht im Umgang mit Tieren aller Arten gemeint sein, aber auch der Respekt gegenüber dem Tier. Je nachdem ob man „Achtung Hund“ oder „Achtung Rindvieh“ sagt, wird es um andere Fragen gehen. Spannend sie allemal und allesamt.

Achtung Tier! Das BVET startet dazu eine Serie von Gastkommentaren. Was assoziiert der neue Tierschutzprofessor Hanno Würbel mit dieser Warnung, was Bauernverbandspräsident Hansjörg Walter und welche Gedanken machen sich Eva Waiblinger vom Schweizer Tierschutz STS und Olivier Pagan vom Zoo Basel?

Den Anfang macht Heinrich Binder, Leiter Tierschutz im BVET. Sein Beitrag auf tiererichtighalten.ch ist der rechtlichen Stellung des Tieres gewidmet. Der gesellschaftliche Wandel in unserem Verhältnis zu Tieren spiegelt sich in der geltenden Gesetzgebung. War das Tier früher "eine Sache", wird ihm heute ein Eigenwert zugestanden.

Achtung Tier!

Die Menschen in der Schweiz lieben Tiere. Davon zeugen die Zahlen zur Heimtierstatistik – in jedem dritten Haushalt miaut es, wird gebellt und gezwitschert, wobei die Katzen mit 1.3 Millionen und die Hunde mit einer halben Million zu den beliebtesten Vierbeinern gehören. Beobachten lässt sich des Schweizers Liebe zum Tier tagtäglich und sie zeigt sich auch am Portemonnaie: Jährlich werden mehr als 800 Millionen Franken ausgegeben -  alleine für Futter und Zubehör der tierischen Freunde.

Unser Umgang mit Tieren ist aber auch von allzu Menschlichem geprägt und von falsch verstandener Tierliebe. Es gilt, unser Verhältnis zu Nagern, Vögeln und Säugetieren aller Art denn auch ehrlich zu hinterfragen: Haben wir genügend Achtung für das Tier und genügend Respekt vor dem Tier? Respektieren wir seine Eigenart als TIER und nehmen wir es als das wahr, was es ist? Ein Lebewesen nämlich, das spezifische Bedürfnisse hat, denen es Rechnung zu tragen gilt. Sind wir uns bewusst, dass der Hund vor unserem Sofa ein Abkömmling des Wolfes ist und die Schlange in unserem Terrarium ein Wildtier? Und vor allem: Sind wir uns der Verantwortung bewusst, die mit der Haltung eines Tieres zeitlebens verbunden ist? Das BVET geht diesen Fragen auf den Grund: Achtung Tier!

Diskutieren Sie mit!

Achtung Tier - was kommt Ihnen bei diesem Stichwort in den Sinn? Wo lassen es die Menschen Ihrer Meinung nach mitunter an der Achtung und der nötigen Vorsicht mangeln? Sind Sie eine begeisterte Tierhalterin oder eher ein Skeptiker, der vor übertriebener Tierliebe warnt? Welche Beobachtungen und Erfahrungen haben Sie gemacht? Ihre Meinung interessiert uns. Egal ob konkretes Beispiel aus dem Alltag oder prinzipielle Gedanken zu Moral und Ethik – diskutieren Sie mit!

Forum - Achtung Tier

Geschichten-Wettbewerb „Ich ♥ Tiere": Die Gewinner/innen

Eine Geschichte über einen jungen Wolf, der in eine Bärenfalle tappt und von einem mitfühlenden Menschen gerettet wird – das ist der Gewinner des neutierig-Geschichten-Wettbewerbs für Kinder. Der 15jährige Moritz Stocker aus Schaffhausen erhält für seine berührende und anrührend geschriebene Geschichte „Das Wolfsjunge“ den 1. Preis. Er kann sich über ein Nachtwandeln im Zoo Zürich für die ganze Familie freuen.

Sie sind spannend, lustig, traurig, überraschend und vielfältig. Die Helden sind Löwen, Tiger, Katzen, Kaninchen, Delphine, Zebras, Eulen, Kühe, Adler und Ameisenbären. Die 70 Geschichten, die wir im Rahmen unseres Wettbewerbs für Kinder „Ich liebe Tiere“ bekommen haben, sind so unterschiedlich, wie die Kinder, die sie geschrieben haben. Der Grossteil der Geschichten hat uns aus der Deutschschweiz erreicht, in der Romandie haben sich 5 Kinder zu einer Geschichte inspirieren lassen. Das Themenspektrum reicht vom Alltag eines ganz normalen Hundes über die Träume von Zootieren bis zu den abenteuerlichen Erlebnissen von Fabelwesen. In vielen Geschichten geht es um Freundschaft und darum, dass man einander hilft. So gehen in einer Geschichte ein Pferd, ein Eichhörnchen und eine Gans zusammen durch dick und dünn. Ein Sujet, das ebenfalls häufig vorkommt, sind Tierkinder und ihre Beziehung zu den Eltern und Geschwistern. Und auffällig viele Tiere haben gerne Glacé – egal ob Löwe oder Känguru.


Es ist der Jury schwer gefallen zu bestimmen, welche Geschichten, die besten sein sollen. Fast jede Geschichte hat in irgendeiner Form überzeugt. Die einen sind besonders phantasievoll oder lustig, anderen merkt man an, wie sehr das Kind Tiere liebt, und nicht wenige beeindrucken durch die Zeichnungen, die die Geschichte illustrieren.

Weitere Preise haben gewonnen:
2. Preis – Streetskate
Maren Sauer
(11jährig) aus Rüschlikon für ihre Geschichte über ein Schwein, das seinen Namen sucht.
3.-5. Preis – Wissen im Doppelpack: «Kinder-Brockhaus Tiere» und «Das grosse Tierquiz»
Ileana Creutz (8jährig) aus Genf für « La petite fille qui rêvait d’un animal »
Leandra Plüss
(12jährig) aus Zürich für «Ausbruch aus dem Zoo»
Janic Sese
(8jährig) aus Zollikofen für « Power Deif »

Herzliche Gratulation den Gewinner/innen und vor allem ein grosses Dankeschön an alle, die mitgemacht haben. Ihr habt Euch grosse Mühe gegeben und tolle Geschichten geschrieben!

Die besten Geschichten gibt es zum Nachlesen auf neutierig.ch – der schlauen Seite für Kinder, die ihre Heimtiere richtig halten. Der Wettbewerb wurde von neutierig.ch in Zusammenarbeit mit Krax, dem Kinder- und Jugendprojekt des Schweizer Tierschutzes STS, ausgeschrieben.

Stereotypien – Hilferuf der Seele

Jeder aufmerksame Zoobesucher hat es schon beobachtet, das auffällige Verhalten einzelner Tiere: der Eisbär, der stundenlang gleichförmig im Kreis geht, die Raubkatze, die pausenlos am Gitter entlang tigert, oder der Elefant, der unermüdlich den Kopf hin und her pendelt. Das sind die bekanntesten Beispiele für Verhaltensstörungen bei Tieren. Solche Stereotypien gibt es aber nicht nur bei Zootieren, es sind die häufigsten Verhaltensstörungen überhaupt. Es sind repetitive Verhaltensmuster ohne erkennbaren Zweck. Beobachtet werden sie bei fast allen Tierarten, die von Menschen gehalten werden. So treten auch bei Hunden und Pferden Stereotypien häufig auf. Das krankhafte Verhalten kann entstehen, wenn es den Tieren an Beschäftigungsmöglichkeiten fehlt.

Der neue Tierschutzprofessor der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern, Hanno Würbel, über die Ursachen und Hintergründe von Verhaltensstörungen.

Was sind die Ursachen für Stereotypien? Kann man vereinfacht sagen, dass Verhaltensstörungen die Folge sind von schlechter, d.h. nicht-tiergerechter Haltung?

Stereotypien entstehen, wenn Tiere durch die Haltungsbedingungen chronisch daran gehindert werden, arttypisches Verhalten auszuführen. Das heisst Verhalten, das unter natürlichen Bedingungen wichtig für ihr Überleben und ihren Fortpflanzungserfolg wäre. Bei Kaninchen z.B. ist das der Drang zum Nagen und Graben. Wildkanichen graben sich weitverzweigte Röhrensysteme, in denen sie Zuflucht suchen und auch ihre Jungen gebären und aufziehen. Für solches Verhalten besteht meist eine sehr hohe Motivation, die auch nicht einfach vorübergeht, wenn das Verhalten nicht ausgeführt werden kann. Die Tiere versuchen immer wieder, das entsprechende Verhalten auszuführen, und aus diesen Versuchen entwickeln sich über Zeit die stereotypen Verhaltensmuster. Insofern kann man durchaus sagen, dass Stereotypien eine Folge von schlechter, nicht-tiergerechter Haltung sind. Es gibt allerdings für Stereotypien auch andere Ursachen, zum Beispiel genetische Defekte oder Krankheiten.

Können diese Verhaltensstörungen behandelt werden?

Wir gehen heute davon aus, dass Stereotypien Ausdruck einer fortschreitenden krankhaften Störung bestimmter Hirnfunktionen sind. Eine solche Störung entsteht, wenn die Gehirnentwicklung wegen einer reizarmen Umwelt zu wenig stimuliert wird und wenn die Tiere gestresst sind wegen der chronischen Frustration. Deshalb hängt der Therapieerfolg vom Entwicklungsstadium der Stereotypie ab. In einem frühen Stadium verschwinden Stereotypien meist wieder, wenn die Ursachen behoben werden, das heisst wenn die Tiere in artgerechte Haltungsbedingungen verbracht werden. Je länger Stereotypien jedoch bereits bestehen, desto resistenter werden sie gegenüber einer solchen Therapie. In solchen Fällen kann meist nur noch eine medikamentöse Behandlung helfen, wobei die Tiermedizin hier noch ganz in den Anfängen steckt.

Artgerechte Haltung ist wichtig für das Wohlbefinden der Tiere. Das ist eines der Leitmotive modernen Tierschutzes. Wie lässt sich „das Wohlbefinden“ von Tieren messen?

Messen lässt es sich leider nicht. Wohlbefinden und Leiden sind subjektive Empfindungen, die per Definition nicht objektiv gemessen werden können. Anhand geeigneter, wissenschaftlich erprobter Indikatoren können wir subjektive Zustände bei Tieren jedoch zunehmend plausibel erschliessen. Dabei machen wir Tierschutzforscher es wie die Humanmediziner – nur umgekehrt: Wir benutzen den Menschen als Tiermodell für unsere Tiere. So haben zum Beispiel Untersuchungen an Menschen gezeigt, dass emotionale Stimmungen zu einer verzerrten Wahrnehmung der Umwelt führen, die in entsprechenden Tests objektiv gemessen werden können. Negativ gestimmte Menschen bewerten neutrale Reize oder Ereignisse negativer als positiv gestimmte Menschen – für sie ist ein halbgefülltes Glas nicht halb voll, sondern halb leer. Mittlerweile wurden solche kognitiven Verzerrungen auch an vielen verschiedenen Tierarten – sogar an Bienen – nachgewiesen. Dies ist derzeit einer der vielversprechendsten Ansätze zur Beurteilung des Wohlbefindens von Tieren. Aber auch differenzierte Verhaltensbeobachtungen können zuverlässige Hinweise auf subjektive Empfindungen liefern. So wurde erst kürzlich eine Grimassen-Skala für Mäuse entwickelt, anhand der sich die Stärke post-operativer Schmerzen bewerten lässt.


© 2010 Nature America, Inc.


Wie viel ist Interpretation und wie viel ist Wissen, wenn es um die kognitiven Fähigkeiten von Tieren geht und um ihre Empfindungen?

Kognitive Fähigkeiten – z.B. die Fähigkeit zu lernen, denken und sich zu erinnern -  lassen sich objektiv erfassen. Vorausgesetzt es handelt sich um gut kontrollierte Studien, ist der Interpretationsspielraum gering. Empfindungen dagegen sind wie bereits erwähnt subjektiv und lassen sich deshalb nur indirekt erschliessen. Hier ist der Interpretationsspielraum entsprechend grösser. Die entscheidende Frage ist allerdings in erster Linie die, welche Tiere überhaupt die Fähigkeit zu subjektiven Empfindungen haben. Wenn wir davon ausgehen können, dass ein Tier diese Fähigkeit besitzt, dann sind unsere Indikatoren aller Wahrscheinlichkeit nach zuverlässig. Wir können zwar nie mit Sicherheit wissen, wie stark die Schmerzen oder Leiden eines Tieres absolut sind oder im Vergleich zu unserem Empfinden. Wir können aber zumindest beurteilen, unter welchen Bedingungen ein Tier mehr oder weniger Schmerzen hat oder leidet. Heute gehen wir davon aus, dass zumindest alle Wirbeltiere – also auch Fische – grundsätzlich schmerz- und leidensfähig sind.

Informationen zum Thema "Beschäftigung - Tiere in Aktion" auf www.tiererichtighalten.ch

Forschung zum Wohl der Tiere

Er ist der einzige Tierschutzprofessor der Schweiz: Seit dem 1. August ist Hanno Würbel Professor für Tierschutz an der Universität Bern, genauer am Veterinary Public Health Institut der Vetsuisse-Fakultät. Der studierte Verhaltensforscher war die letzten Jahre Professor für Tierschutz und Ethologie in Giessen (D). Mit der Berufung nach Bern erfüllt sich für ihn ein langgehegter Traum: sein Fachgebiet in der Schweiz zu vertreten, da wo er aufgewachsen ist und wo er mit seiner Familie lebt.


Hanno Würbel schätzt an seinem Fachgebiet die gesellschaftspolitische Dimension und die spannenden wissenschaftlichen Fragen, die damit verbunden sind. Mit innovativer Grundlagenforschung praxistaugliche Lösungen ermöglichen – das ist eines der Ziele, die er sich für seine Professur gesteckt hat. Gesucht seien Lösungen, die unseren Interessen und auch dem Schutz der Tiere Rechnung tragen.

Was das konkret heissen kann, macht seine bisherige Forschung deutlich: In mehreren Projekten haben er und sein Team aufgezeigt, dass Versuchstiere weniger Verhaltensstörungen entwickeln, wenn die Käfige artgerechter ausgestattet sind, z.B. mit Beschäftigungsmaterial. Die Forschung hat auch gezeigt, dass diese Anreicherung der Käfige die Aussagekraft von Tierversuchen nicht beeinflusst. Damit wurde es möglich, dass eine Vorschrift für tiergerechtere Haltung in die neue EU-Direktive aufgenommen wurde. Es sind solche Erfolge, die Hanno Würbel antreiben. Frustrierend sei einzig, dass es von der Forschung bis zur Umsetzung manchmal sehr lange dauert. 

Lesen Sie ein ausführliches Interview mit Hanno Würbel auf Tiere richtig halten: Der Tierschutzprofessor über erreichte und gesteckte Ziele, innovative Forschung und über ethische Fragen, die nach biologischen Antworten verlangen.

Hanno Würbel studierte Biologie mit Schwerpunkt Ethologie an der Universität Bern und promovierte 1996 an der ETH Zürich. 2002 wurde er als Professor für Tierschutz und Ethologie an die Universität Giessen (D) berufen. Seine Forschungen zur Verbesserung der Haltungsbedingungen von Versuchstieren und der Aussagekraft von Tierversuchen wurden mit dem Hessischen und dem Felix-Wankel-Tierschutz-Forschungspreis ausgezeichnet. Der 48-jährige Hanno Würbel ist in Langenthal aufgewachsen und lebt heute mit seiner Familie in Zürich.
 

Geschichten-Wettbewerb für Kinder

Neutierig.ch ist ein Tierschutzportal speziell für Kinder – das BVET führt es gemeinsam mit Krax, dem Kinderprojekt des Schweizer Tierschutzes STS. Heute am Welttiertag vom 4. Oktober startet neutierig.ch den grossen Geschichten-Wettbewerb für Kinder: «Ich liebe Tiere».


Was denkt sich ein Hund auf dem täglichen Spaziergang? Welche Abenteuer erlebt das Eichhörnchen im Wald? Was passiert unter Wasser zwischen den Fischen, Krebsen und Meeresschildkröten? Wie geht es im Zoo zu und her, wenn die letzten Besucher und Besucherinnen nach Hause gegangen sind? Mit etwas Phantasie lassen sich viele spannende, lustige Geschichten über Tiere erzählen.

Egal ob Elefant oder Maus, Schnecke oder Vogel – die Welt der Tiere ist geheimnisvoll und spannend. Es macht Spass, Tiere zu beobachten und darüber zu staunen, was sie alles können. Manchmal bringen sie einem zum Lachen, manchmal muss man auch ein bisschen Angst haben. Kinder machen sich oft  Gedanken über Tiere. Jetzt können sie noch einen Schritt weiter gehen und eine Tiergeschichte schreiben. Das kann etwas sein, was sie selbst erlebt haben, oder eine erfundene Geschichte - Hauptsache es geht um Wesen, die hoppeln, fliegen oder galoppieren und es miaut, muht oder meckert.   

Die besten Geschichten werden auf neutierig.ch und krax.ch veröffentlicht und mit attraktiven Preisen belohnt. Mehr dazu unter www.neutierig.ch 

Vermehrt und gezielt auch Kinder anzusprechen und ihnen Tierschutz-Themen näher zu bringen, ist eines der Ziele der Tierschutzkampagne „Tiere richtig halten“ des BVET. Tierschutzbildung ist wichtig. Sie muss aber kindergerecht sein. Es braucht andere Kommunikationsformen und –mittel. In diesem Zusammenhang ist der heute lancierte Wettbewerb zu sehen. 

Neue Ausbildungen - gute Resonanz

Wer für ein Tier verantwortlich ist, muss dessen Bedürfnisse kennen. Das ist der Grund, weshalb das neue Tierschutzgesetz eine ganze Reihe neuer Ausbildungen vorschreibt. Ausbildung dient direkt dem Tierwohl. Nun liegen Zahlen  vor, die einen Eindruck vermitteln, ob das neue Ausbildungsangebot auch tatsächlich genutzt wird. So haben 2009 und 2010 insgesamt knapp 35‘000 Hundehalter und Hundehalterinnen den praktischen Sachkundenachweis erbracht und 20‘000 haben den Theoriekurs besucht. Dies gemäss den Meldungen der Ausbildungsstätten.

Je besser jemand Bescheid weiss über die Bedürfnisse seines Tieres, umso besser wird er es halten. Die Tierschutzverordnung, die 2008 in Kraft getreten ist, schreibt deshalb für die Halter oder Betreuer bestimmter Tierarten Ausbildungen vor. Es sind Tierarten, deren Haltung besonders anspruchsvoll ist. Eine Ausbildung wird auch verlangt, wenn es sich um eine gewerbsmässige Haltung handelt.  Es gibt zwei Arten von Kursen: den einfacheren Sachkundenachweis (SKN) oder die vertiefte und zeitaufwändigere FBA (fachspezifische berufsunabhängige Ausbildung). Welche Anforderungen erfüllt werden müssen, hängt davon ab, wie anspruchsvoll die Aufgabe ist.  Wer privat Alpakas hält, braucht einen SKN, wer Tiere während eines Transports betreut, muss die FBA absolvieren.

Hund Kurs

Ein Beispiel ist der Sachkundenachweis (SKN) für Hundehaltende. Ersthundehalter müssen vor Anschaffung  eines Hundes einen Theoriekurs machen und  danach einen praktischen Kurs zusammen mit dem Tier.  Wer vorher schon einen Hund hatte, muss nur den Praxiskurs besuchen. Die Tierhaltenden lernen in diesen Kursen die Bedürfnisse und das Verhalten des Tieres kennen und wie sie den Hund in verschiedenen Alltagssituationen unter Kontrolle halten können. 2010 haben knapp 27‘200 Hundehaltende den praktischen SKN erhalten, der SKN Theorie wurde 14‘600 mal ausgestellt. Nimmt man das Jahr 2009 hinzu, kommt man auf rund 35‘000 praktische Kurse und 20‘000 Theorie-Kurse, die besucht worden sind. 1‘330 Personen haben die FBA zum Hundetrainer, zur Hundetrainerin absolviert und dürfen  SKN-Kurse geben.

Neben den Hundekursen sind die übrigen Ausbildungen nicht zu vergessen, die seit 2008 obligatorisch sind. Beispielsweise jene für die Haltung von Wildtieren, die gewerbsmässige Zucht oder diejenigen für das Tiertransport- und Schlachthofpersonal. Auch in diesen Bereichen haben sich die neuen Ausbildungsangebote etablieren können und das Angebot findet Anklang.

Eine Übersicht über die verschiedenen Ausbildungen und wie sie geregelt sind finden Sie hier. Weitere Informationen zur Haltung von Nutz- und Heimtieren: www.tiererichtighalten.ch

Beschäftigung – Tiere in Aktion

Jagen, nagen, graben, wühlen, erkunden, sich verstecken. Jedes Tier verfügt über ein Spektrum an natürlichen Verhaltensweisen,  die ausgelebt werden wollen. Das gilt fürs Mastschwein genauso wie fürs Kaninchen oder das Wildtier im Zoo. Tiere brauchen Beschäftigung,  Anima-tion. Der deutsche Zoologie-Professor  Norbert Sachser über die Langeweile im Tiergehege und ihre Folgen.

Norbert Sachser ist Verhaltensbiologe mit Schwerpunkt südamerikanische Nagetiere. Er ist Leiter der Ethologie-Abteilung der Universität Münster (D). Zu seinem Team gehören Sylvia Kaiser, Lars Lewejohann und Stephanie Lürzel. Sie bilden die „Animal Welfare Unit“ und forschen unter anderem über Stress, Stresssymptome und Wohlergehen – mit Folgerungen für den Tierschutz.

                      

Wie wichtig sind Beschäftigungsmöglichkeiten?
Sehr wichtig! Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass Tiere im Laufe der Evolution auf bestimmte ökologische Bedingungen hin optimal angepasst sind. Zu einer solchen Anpassung gehören auch physiologische Mechanismen, die dazu führen, dass bestimmte, unter natürlichen Bedingungen überlebensnotwendige Verhaltensweisen mit positiven Empfindungen einhergehen. Dies könnte beispielsweise erklären, warum Hauskatzen, auch völlig unabhängig vom häufig reichhaltigen Nahrungsangebot, gerne jagen.
Tiere in menschlicher Obhut können Verhaltensweisen, die zum natürlichen Repertoire gehören, häufig nicht zeigen. Einige Verhaltensweisen, wie Feindvermeidung und Fluchtverhalten oder langwierige Futtersuche, müssen nicht ausgeführt werden. Dennoch haben sich die Tiere im Laufe der Evolution so in ein natürliches Umfeld eingefügt, dass sie es als leidvoll empfinden könnten, bestimmte Verhaltensweisen nicht ausführen zu können. Hier gilt es, bestmöglich durch geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten zu kompensieren.

Kann ein Tier „Langeweile“ empfinden?
Es gibt gute Evidenzen dafür, dass auch Tiere, insbesondere Säugetiere und Vögel, Langeweile empfinden können; allerdings wird dieser Begriff in der wissenschaftlichen Literatur kaum verwandt. In ihrem natürlichen Habitat begegnen Tiere ständig neuen Herausforderungen, so dass ein Gefühl der Langeweile hier nicht aufkommt. Wenn Tiere aber unter Bedingungen leben, die zu wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und Anregungen bieten, dann kann diese Situation durchaus zu einem Gefühlszustand führen, der dem der menschlichen Langeweile äquivalent ist.

Im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit haben Sie u.a. das Verhalten von Meerschweinchen und Mäusen untersucht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse in Bezug auf das Beschäftigungs-Verhalten dieser Nagetiere?
Für Meerschweinchen stellen Artgenossen die allerwichtigste Beschäftigungsmöglichkeit dar. Das zeigt sich zum Einen in den vielfältigen Verhaltensweisen, die Meerschweinchen ausführen, wenn sie in Gruppen gehalten werden (zum Beispiel intensives Spielverhalten von Jungtieren), zum Anderen aber auch darin, dass der Sozialpartner in einer unbekannten und daher Stress auslösenden Situation einen beruhigenden Einfluss hat. Meerschweinchen sollten deshalb niemals allein gehalten werden! Weiterhin ist das Vorhandensein von Knabbergelegenheiten für Meerschweinchen essentiell. Heu, Stroh, Obst oder Äste fungieren nicht nur als Nahrung, sondern sind auch als Beschäftigungsmaterial willkommen.
Bei Mäusen haben wir detailliert die Auswirkungen von Umweltanreicherungen ("Environmental Enrichment") auf das Verhalten und Wohlergehen untersucht. Hier konnten wir zeigen, dass Tiere, die durch das Einbringen verschiedener Gegenstände wie Klettergerüste, Nage- und Rückzugsmöglichkeiten angereichert gehalten wurden, weniger ängstlich waren, mehr Spielverhalten zeigten und bessere Lernleistungen vollbrachten. Beschäftigungsmöglichkeiten scheinen auch einen positiven Einfluss auf die Gehirnentwicklung zu haben. So weisen zum Beispiel Mäuse, die eine genetische Veranlagung für die Entwicklung Alzheimer-ähnlicher Symptome haben, deutlich weniger Merkmale dieser Krankheit auf, wenn sie in einer Umwelt mit reichhaltigen Beschäftigungsmöglichkeiten aufwachsen. Dies im Vergleich zu Tieren, die in reizarmen Umwelten leben.

Fehlt es den Tieren an Möglichkeiten, sich artgerecht zu beschäftigen und ihr natürliches Verhalten auszuleben, kann das Folgen haben. Was sind die häufigsten Probleme?
Auf der Verhaltensebene kommt es dann häufig zu sogenannten Konfliktverhaltensweisen wie Stereotypien. Unter Bewegungsstereotypien wird das ständige, gleichförmige Wiederholen einer Verhaltensweise verstanden, beispielsweise das stundenlange Weben einzeln gehaltener Elefanten oder das ununterbrochene Stangenbeißen bei Schweinen in nicht-tiergerechter Haltung. Weiterhin kann es zu einer erhöhten Aggression kommen, wenn Tiere ihr natürliches Verhalten nicht ausleben können, die auch gegen den eigenen Körper gerichtet sein kann (Autoaggression beispielsweise bei einzeln gehaltenen Papageien). Es gibt Hinweise, dass mit solchen Verhaltenssymptomen auch eine erhöhte Ängstlichkeit, eine verminderte kognitive Entwicklung, verstärkte hormonelle Stressreaktionen sowie eine insgesamt erhöhte Krankheitsanfälligkeit einhergehen.

Wenn solche Verhaltensstörungen auftreten, lässt sich da noch etwas ausrichten?
Es kommt darauf an, wie lange die Verhaltensstörung schon besteht. Treten erste Anzeichen einer Verhaltensstörung auf, so können diese oft durch eine Veränderung der Haltungsbedingungen (z.B. mehr Sozialkontakte, mehr Auslauf, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten) abgewendet wenden. Hat ein Tier jedoch über einen langen Zeitraum beispielsweise aufgrund von Einzelhaltung Stereotypien erworben oder diese aufgrund traumatischer Erlebnisse entwickelt, so kann es sein, dass solche Maßnahmen nur bedingt oder gar nicht mehr greifen. Trotzdem sollte auch in solchen Fällen nichts unversucht gelassen werden, die Haltung des Tieres im Sinne einer tiergerechten Haltung zu verbessern.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?
In unserer aktuellen Forschung beschäftigen wir uns mit drei tierschutzrelevanten Fragen: (1) Wie beeinflussen soziale Erfahrungen während der Adoleszenz das Verhalten und die Stressreaktionen der Tiere im Erwachsenenalter? So zeigen neuere Ergebnisse: Soziale Regeln des Zusammenlebens, die es Tieren erlauben, sich mit fremden Artgenossen stress- und aggressionsarm zu arrangieren, werden vor allem in dieser Lebensphase des Erwachsenwerdens erlernt. (2) Wie spielen die genetische Veranlagungen eines Tieres und die Erfahrungen, die es während der Entwicklung macht, zusammen, um sein individuelles Verhaltensprofil hervorzubringen? Beispielsweise kann Überängstlichkeit oder hohe Aggressivität durch solche Gen-Umwelt-Interaktionen zustande kommen. (3) Welcher Zusammenhang besteht zwischen der „Persönlichkeit“ eines Tieres und seinem Wohlergehen? Die Tiere einer Art verhalten sich keineswegs mehr oder weniger alle gleich. Vielmehr entwickeln sich im Laufe des Lebens sogenannte „Tierpersönlichkeiten“, die sich bzgl. ihres Temperamentes deutlich unterscheiden und damit auch verschiedene Ansprüche an ihre Lebenswelt haben könnten.

Das BVET stellt das wichtige Thema „Beschäftigung“ ein Jahr lang in den Fokus. Schauen Sie immer wieder mal vorbei auf „Tiere richtig halten“.
     

EU will Alternativen zur Ferkelkastration

Europäische Ferkel sollen ab nächstem Jahr nur noch unter Betäubung kastriert werden und spätestens 2018 soll die chirurgische Ferkelkastration nicht mehr eingesetzt werden. Das fordert eine Arbeitsgruppe bestehend aus Vertretern der Landwirtschaft, der Fleischindustrie, des Handels, der Forschung und von Tierschutzorganisationen. Die Arbeitsgruppe traf sich auf Einladung der Europäischen Kommission und des belgischen Ratsvorsitzes. Die Forderungen wurden in einer gemeinsamen Europäischen Erklärung über Alternativen zur chirurgischen Kastration bei Schweinen  zusammengefasst. Bindend ist diese Erklärung nicht.

Ferkel werden aus zwei Gründen kastriert: Unerwünschtes sexuelles und aggressives Verhalten soll unterbunden und der so genannte Ebergeruch des Fleisches verhindert werden. Der Eingriff ist für die Tiere schmerzhaft und die Suche nach Alternativen deshalb ein wichtiges Tierschutzanliegen. Die Arbeitsgruppe hat nun Massnahmen definiert, die mittelfristig einen Verzicht auf die Ferkelkastration ermöglichen sollen. Bereits existierende Alternativen wie die Impfung gegen den Ebergeruch und die Ebermast sollen gezielt gefördert werden.

In einem ersten Schritt soll die Ferkelkastration ab dem 1. Januar 2012 nur noch unter Verabreichung von Schmerz- und /oder Betäubungsmitteln durchgeführt werden. In einem zweiten Schritt will man dafür sorgen, dass ab 2018 EU-weit keine Ferkel mehr kastriert werden. Dafür brauche es unter anderem allgemein anerkannte Methoden zur Feststellung und für die Messung von Ebergeruch, verbesserte Haltungs- und Produktionssysteme, die unerwünschtes Verhalten und Ebergeruch verhindern, und eine gezielte Information der Landwirte und der Konsument/innen.

Einige EU-Länder schreiben die Betäubung bei der Ferkelkastration bereits vor, andere forcieren die Impfung oder die Ebermast. Der Kommission ist daran gelegen, dass es eine europäische Regelung gibt. Der runde Tisch mit den Branchenvertretern und interessierten Verbänden und die gemeinsame Erklärung sind ein erster Schritt in Richtung eines Verbots der Ferkelkastration.

In der Schweiz ist die Ferkelkastration seit dem 1. Januar 2010 nur noch unter Schmerzausschaltung erlaubt. Der Eingriff ist Routine in der Schweinezucht und betrifft rund 1.3 Millionen Ferkel pro Jahr. Die meisten Schweineproduzenten setzen heute auf eine Kombination von Betäubung und Schmerzausschaltung vor der Kastration. Die schonendste Methode, die Impfung gegen den Ebergeruch, und die Ebermast werden im Moment lediglich in der Nischenproduktion angewendet. Längerfristig muss aber der Verzicht auf den chirurgischen Eingriff das Ziel sein - zum Wohl der Tiere.

Die Liste der Verbände, die die Erklärung unterzeichnet haben, finden Sie hier.

Forschende wollen verstärkten Dialog über Tierversuche

Die Fragestellung im Titel „Research at a Crossroads?“ war Programm: Forschende aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien setzten sich während zweier Tage an einer Konferenz in Basel mit zentralen Fragen auseinander, die sich ergeben im Spannungsfeld zwischen medizinischem Fortschritt auf der einen und Tierschutz auf der anderen Seite. Fragen, die heute drängender gestellt werden, als noch vor 20 Jahren. Am Schluss der Konferenz wurde die Basler Deklaration verabschiedet.

Konkreter Anlass für die Konferenz war die neue EU-Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere, die im September verabschiedet worden ist. Die Konferenz ist aber auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich viele Forschende in ihrer Arbeit zunehmend eingeschränkt fühlen – durch neue gesetzliche Bestimmungen und zusätzlichen administrativen Aufwand. Zudem werde den Forschenden eher miss- als vertraut, so der pessimistische Tenor.

Dieser Einschätzung der Forschenden widerspricht allerdings eine Studie des gfs-Forschungsinstituts, die anlässlich der Basler Konferenz in Auftrag gegeben worden ist. Demnach glauben 60% der Forschenden, dass die Bevölkerung Tierversuche ablehnt.  Die Studie zeigt jedoch, dass die Akzeptanz der biomedizinischen Forschung in der Bevölkerung besser ist als aus Sicht der Forschung angenommen. 58 Prozent der Befragten sagen ganz klar Ja zu Tierversuchen.

Eines der zentralen Themen der Konferenz war die nach Meinung der Forschenden künstliche Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Diese seien nicht voneinander zu trennen, wurde mehrfach betont, sondern vielmehr ein Kontinuum. Die Erforschung grundlegender physiologischer Prozesse, das Verständnis von Krankheiten und die Entwicklung von Therapien gehen fliessend ineinander über.

Die Botschaft der Konferenzteilnehmer/innen, wie sie in der abschliessend verabschiedeten Basler Deklaration formuliert wird, ist klar: Auf Forschung mit Tieren kann nicht verzichtet werden. Das betreffe auch die Forschung mit Primaten und gentechnisch veränderten Tiermodellen. Diese Tierversuche seien unverzichtbar, wenn es darum geht, neue Erkenntnisse zu gewinnen in Bezug auf komplexe Krankheiten wie Demenz oder Krebs, aber auch bei der Entwicklung neuer Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten wie Aids, Malaria und Hepatitis C. Die Deklaration beinhaltet aber auch ein Bekenntnis der Forschenden, „die ihnen anvertrauten Tiere zu respektieren und zu schützen (…) und die höchsten Standards beim Versuchsaufbau und in der Tierhaltung einzuhalten“. Zudem wollen die Wissenschaftler transparenter und aktiver über Forschung mit Tieren kommunizieren. Die Basler Deklaration findet sich nächstens auf der Homepage des Vereins Forschung für Leben.

Auch der Bundesrat möchte die Information in Sachen Tierversuche verbessern. Diesen Sommer schickte er einen entsprechenden Passus im Tierschutzgesetz in die Vernehmlassung. Die Gesetzesänderung wird voraussichtlich 2011 im Parlament beraten.

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