"Tieren ein Sozialleben zu ermöglichen, ist überaus faszinierend"
Mit der neuen Tierschutzverordnung dürfen soziallebende Tiere nicht mehr alleine gehalten werden. Das gilt für Ziegen und Pferde genauso wie für Meerschweinchen und Wellensittiche. Jean-Michel Hatt, Professor für Zoo-, Heim- und Wildtiermedizin an der Vetsuisse-Fakultät Standort Zürich, erklärt am Beispiel von Meerschweinchen und Wellensittiche, weshalb das Sozialverhalten so wichtig ist, wie man Tiere zusammenbringen soll und wie spannend es ist, soziallebende Tiere zu beobachten.
Herr Hatt, wie wichtig ist bei soziallebenden Tieren der Kontakt zu Artgenossen?
Sozialkontakte sind für soziallebende Tiere ein elementares Grundbedürfnis, das sehr hoch zu gewichten ist. Gerade bei Wellensittichen und Meerschweinchen ist das Sozialverhalten hoch entwickelt. In der freien Wildbahn leben diese Tiere in Schwärmen bzw. in Sippen. Die gesetzliche Verpflichtung, sie zu zweit zu halten, ist somit wirklich das Minimum.
Verändern sich die Tiere, wenn man sie zusammen hält?
Sie sind ausgeglichener und leben ihr gesamtes natürliches Verhaltensrepertoire aus. Für die Halter ist das angenehmer, aber auch spannender. Einzel gehaltene Wellensittiche oder Meerschweinchen können schwere Verhaltensstörungen entwickeln. Wellensittche beginnen teilweise sich massiv Feder auszurupfen, bis sie kahle Stellen haben. Manche füttern auch ihren vermeintlichen Partner im Spiegel derart obsessiv, bis sie einknicken. Alleine gehaltene Meerschweinchen sind oft einfach apathisch. Manche beginnen sich das Fell auszubeissen oder in die Gitterstangen zu beissen.
Wenn man nun ein einzelnes Meerschweinchen oder einen Wellensittichen hat. Wie gesellt man einen Partner dazu?
Zuerst muss man darauf achten, keine Krankheiten einzuschleppen, etwa Milben bei Meerschweinchen oder Chlamydien bei Wellensittichen. Man sollte das Tier deshalb mindestens einen Monat getrennt halten und darauf achten, ob es sich normal verhält, ob es gut frisst, ob der Kot und Urin normal aussieht. Wenn man in der Zeit einen guten Eindruck vom Tier hat, kann man die beiden schrittweise zusammenbringen.
Zuerst stellt man am besten die beiden Käfige für einige Tage nebeneinander. Oft kann man dann bei Wellensittichen beobachten, dass die Tiere möglichst nahe beieinander übernachten, falls die Sitzstangen auf gleicher Höhe sind. Vertragen sich die Tiere, führt man sie idealerweise in einem neuen Käfig zusammen, sozusagen auf neutralem Boden. Es reicht in vielen Fällen aber auch, die beiden Käfige zu verbinden.
Am besten bringt man Pärchen zusammen. Zwei Weibchen oder zwei Männchen kann schwierig sein. Meerschweinchen, normalerweise das Männchen, sollte man vorab kastrieren. Bei Wellensittichen ist dies schwierig und auch nicht nötig. Wenn sie Eier legen, kann man die anstechen oder man schiebt dem Weibchen Gipseier unter. Schlecht ist, die Eier einfach wegzunehmen. Wellensittiche erzeugen dann oft Nachgelege. Das kann soweit führen, dass das Weibchen dadurch völlig auslaugt.
Für mich ist klar: Den Tieren ein Sozialleben zu ermöglichen, ist nicht nur gesetzliche Pflicht, sondern auch überaus faszinierend.



Kommentare
Die genannte "Schnuppermethode" ist für Meerschweinchenzusammenführungen ungünstig. Dadurch, dass sich die Tiere lediglich beschnuppern können und nicht die Rangordnung klären können, führt oft zum Aggressionsaufbau. Daher sind die Tiere vor der Vergesellschaftung getrennt zu halten.
Die Schweinchen werden, wie beschrieben, auf neutralem Boden(nicht Revier eines der Tiere) mit viel Platz zur Flucht zusammengeführt. Wichtig sind mehrere Unterschlüpfe mit 2 Öffnungen und viele Futterstellen, das lenkt von allfälligen Streitigkeiten ab.
Wichtig ist, dass nicht zu früh und aus unbegründeter Angst in die Vergesellschaftung eingegriffen wird: für den Halter mag einiges brutal aussehen! Kneifen, Jagen lose Fellbüschel und kleine sehr wenig blutende Bisswunden an Ohren oder Nase sind normal.
Die Tiere können nach einigen Stunden in ihr Zuhause einziehen. Dieses sollte frisch gereinigt sein und das Rangniedere Tier soll als erstes das Gehege erkunden dürfen. Bei wenig Platz (0,5m2 pro Tier) ist es ratsam einen Dauerauslauf für einen Tag einzurichten.
Es ist jedesmal eine Freude zu sehen, wie sich die Kleinen für ihren neuen Kumpel interessieren und nach und nach vertrauter mit ihm werden!
Viel Freude mit den Süssen! :)