Bundesamt für Veterinärwesen BVET

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Beschäftigung – Tiere in Aktion

Jagen, nagen, graben, wühlen, erkunden, sich verstecken. Jedes Tier verfügt über ein Spektrum an natürlichen Verhaltensweisen,  die ausgelebt werden wollen. Das gilt fürs Mastschwein genauso wie fürs Kaninchen oder das Wildtier im Zoo. Tiere brauchen Beschäftigung,  Anima-tion. Der deutsche Zoologie-Professor  Norbert Sachser über die Langeweile im Tiergehege und ihre Folgen.

Norbert Sachser ist Verhaltensbiologe mit Schwerpunkt südamerikanische Nagetiere. Er ist Leiter der Ethologie-Abteilung der Universität Münster (D). Zu seinem Team gehören Sylvia Kaiser, Lars Lewejohann und Stephanie Lürzel. Sie bilden die „Animal Welfare Unit“ und forschen unter anderem über Stress, Stresssymptome und Wohlergehen – mit Folgerungen für den Tierschutz.

                      

Wie wichtig sind Beschäftigungsmöglichkeiten?
Sehr wichtig! Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass Tiere im Laufe der Evolution auf bestimmte ökologische Bedingungen hin optimal angepasst sind. Zu einer solchen Anpassung gehören auch physiologische Mechanismen, die dazu führen, dass bestimmte, unter natürlichen Bedingungen überlebensnotwendige Verhaltensweisen mit positiven Empfindungen einhergehen. Dies könnte beispielsweise erklären, warum Hauskatzen, auch völlig unabhängig vom häufig reichhaltigen Nahrungsangebot, gerne jagen.
Tiere in menschlicher Obhut können Verhaltensweisen, die zum natürlichen Repertoire gehören, häufig nicht zeigen. Einige Verhaltensweisen, wie Feindvermeidung und Fluchtverhalten oder langwierige Futtersuche, müssen nicht ausgeführt werden. Dennoch haben sich die Tiere im Laufe der Evolution so in ein natürliches Umfeld eingefügt, dass sie es als leidvoll empfinden könnten, bestimmte Verhaltensweisen nicht ausführen zu können. Hier gilt es, bestmöglich durch geeignete Beschäftigungsmöglichkeiten zu kompensieren.

Kann ein Tier „Langeweile“ empfinden?
Es gibt gute Evidenzen dafür, dass auch Tiere, insbesondere Säugetiere und Vögel, Langeweile empfinden können; allerdings wird dieser Begriff in der wissenschaftlichen Literatur kaum verwandt. In ihrem natürlichen Habitat begegnen Tiere ständig neuen Herausforderungen, so dass ein Gefühl der Langeweile hier nicht aufkommt. Wenn Tiere aber unter Bedingungen leben, die zu wenig Beschäftigungsmöglichkeiten und Anregungen bieten, dann kann diese Situation durchaus zu einem Gefühlszustand führen, der dem der menschlichen Langeweile äquivalent ist.

Im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit haben Sie u.a. das Verhalten von Meerschweinchen und Mäusen untersucht. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse in Bezug auf das Beschäftigungs-Verhalten dieser Nagetiere?
Für Meerschweinchen stellen Artgenossen die allerwichtigste Beschäftigungsmöglichkeit dar. Das zeigt sich zum Einen in den vielfältigen Verhaltensweisen, die Meerschweinchen ausführen, wenn sie in Gruppen gehalten werden (zum Beispiel intensives Spielverhalten von Jungtieren), zum Anderen aber auch darin, dass der Sozialpartner in einer unbekannten und daher Stress auslösenden Situation einen beruhigenden Einfluss hat. Meerschweinchen sollten deshalb niemals allein gehalten werden! Weiterhin ist das Vorhandensein von Knabbergelegenheiten für Meerschweinchen essentiell. Heu, Stroh, Obst oder Äste fungieren nicht nur als Nahrung, sondern sind auch als Beschäftigungsmaterial willkommen.
Bei Mäusen haben wir detailliert die Auswirkungen von Umweltanreicherungen ("Environmental Enrichment") auf das Verhalten und Wohlergehen untersucht. Hier konnten wir zeigen, dass Tiere, die durch das Einbringen verschiedener Gegenstände wie Klettergerüste, Nage- und Rückzugsmöglichkeiten angereichert gehalten wurden, weniger ängstlich waren, mehr Spielverhalten zeigten und bessere Lernleistungen vollbrachten. Beschäftigungsmöglichkeiten scheinen auch einen positiven Einfluss auf die Gehirnentwicklung zu haben. So weisen zum Beispiel Mäuse, die eine genetische Veranlagung für die Entwicklung Alzheimer-ähnlicher Symptome haben, deutlich weniger Merkmale dieser Krankheit auf, wenn sie in einer Umwelt mit reichhaltigen Beschäftigungsmöglichkeiten aufwachsen. Dies im Vergleich zu Tieren, die in reizarmen Umwelten leben.

Fehlt es den Tieren an Möglichkeiten, sich artgerecht zu beschäftigen und ihr natürliches Verhalten auszuleben, kann das Folgen haben. Was sind die häufigsten Probleme?
Auf der Verhaltensebene kommt es dann häufig zu sogenannten Konfliktverhaltensweisen wie Stereotypien. Unter Bewegungsstereotypien wird das ständige, gleichförmige Wiederholen einer Verhaltensweise verstanden, beispielsweise das stundenlange Weben einzeln gehaltener Elefanten oder das ununterbrochene Stangenbeißen bei Schweinen in nicht-tiergerechter Haltung. Weiterhin kann es zu einer erhöhten Aggression kommen, wenn Tiere ihr natürliches Verhalten nicht ausleben können, die auch gegen den eigenen Körper gerichtet sein kann (Autoaggression beispielsweise bei einzeln gehaltenen Papageien). Es gibt Hinweise, dass mit solchen Verhaltenssymptomen auch eine erhöhte Ängstlichkeit, eine verminderte kognitive Entwicklung, verstärkte hormonelle Stressreaktionen sowie eine insgesamt erhöhte Krankheitsanfälligkeit einhergehen.

Wenn solche Verhaltensstörungen auftreten, lässt sich da noch etwas ausrichten?
Es kommt darauf an, wie lange die Verhaltensstörung schon besteht. Treten erste Anzeichen einer Verhaltensstörung auf, so können diese oft durch eine Veränderung der Haltungsbedingungen (z.B. mehr Sozialkontakte, mehr Auslauf, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten) abgewendet wenden. Hat ein Tier jedoch über einen langen Zeitraum beispielsweise aufgrund von Einzelhaltung Stereotypien erworben oder diese aufgrund traumatischer Erlebnisse entwickelt, so kann es sein, dass solche Maßnahmen nur bedingt oder gar nicht mehr greifen. Trotzdem sollte auch in solchen Fällen nichts unversucht gelassen werden, die Haltung des Tieres im Sinne einer tiergerechten Haltung zu verbessern.

Woran arbeiten Sie zur Zeit?
In unserer aktuellen Forschung beschäftigen wir uns mit drei tierschutzrelevanten Fragen: (1) Wie beeinflussen soziale Erfahrungen während der Adoleszenz das Verhalten und die Stressreaktionen der Tiere im Erwachsenenalter? So zeigen neuere Ergebnisse: Soziale Regeln des Zusammenlebens, die es Tieren erlauben, sich mit fremden Artgenossen stress- und aggressionsarm zu arrangieren, werden vor allem in dieser Lebensphase des Erwachsenwerdens erlernt. (2) Wie spielen die genetische Veranlagungen eines Tieres und die Erfahrungen, die es während der Entwicklung macht, zusammen, um sein individuelles Verhaltensprofil hervorzubringen? Beispielsweise kann Überängstlichkeit oder hohe Aggressivität durch solche Gen-Umwelt-Interaktionen zustande kommen. (3) Welcher Zusammenhang besteht zwischen der „Persönlichkeit“ eines Tieres und seinem Wohlergehen? Die Tiere einer Art verhalten sich keineswegs mehr oder weniger alle gleich. Vielmehr entwickeln sich im Laufe des Lebens sogenannte „Tierpersönlichkeiten“, die sich bzgl. ihres Temperamentes deutlich unterscheiden und damit auch verschiedene Ansprüche an ihre Lebenswelt haben könnten.

Das BVET stellt das wichtige Thema „Beschäftigung“ ein Jahr lang in den Fokus. Schauen Sie immer wieder mal vorbei auf „Tiere richtig halten“.
     

Neu im Netz: Umfassende Informationen über Parasiten bei Hunden und Katzen

Sei es hartnäckiger Durchfall der Katze oder seien es Flöhe und Zecken beim Hund: Parasiten sind ein Thema, das Hunde- und Katzenbesitzer/innen immer wieder beschäftigt. Entsprechend gross ist das Bedürfnis nach Information und Beratung. Genau diesem Bedürfnis trägt das ESCCAP Rechnung. Das ESCCAP (European Scientific Counsel Companion Animal Parasites) steht für unabhängige, fachkundige und verständliche Informationen zu Parasiten bei Hunden und Katzen. Die ESCCAP Schweiz bietet diese Information neu auch online an. Ein Angebot, das es zu entdecken gilt – und das zu nutzen sich lohnt. 

Die ESCCAP ist eine Vereinigung von Veterinärparasitologen und ein eigentliches Kompetenzzentrum für  Parasitologie. Die ESCCAP Schweiz will mit fundierten Informationen helfen, Hunde und Katzen vor Parasiten und deren Folgen zu schützen. Nach dem Motto „Wissen hilft Vorbeugen“. Verhindert werden soll auch, dass der Mensch sich mit vom Tier zum Menschen übertragbaren Krankheiten (Zoonosen) ansteckt. Angesprochen sind vor allem Tierärztinnen und Tierärzte, Veterinärmedizinische Fachangestellte und Tierhalter/innen.

Wer sich also genauer über Flöhe, Zecken, Läuse, Hautpilze, Würmer und Sandmücken informieren will, dem sei die neue Homepage der ESCCAP empfohlen. Der lesenswerte Inhalt reicht vom Hintergrundartikel über Tipps zur Prävention und Behandlung bis zu aktuellen Informationen. So gibt es zum Beispiel Experten-Tipps zum Schutz vor Reisekrankheiten beim Hund und zur richtigen Entwurmung von Hunden und Katzen. Die Frage „Kann man gegen Zecken impfen?“ wird genauso beantwortet wie jene, was zu tun ist, wenn das Tier immer wieder an hartnäckigem Durchfall leidet, oder ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Floh- und Wurmbefall. Wer ausser dem erfahrenen Tierarzt oder der Parasitologin weiss schon, dass sich Hunde und Katzen vor allem im Winter Flöhe holen und zwar vorzugsweise über Eier, Larven und Puppen in der eigenen Wohnung? Das neue Informationsangebot hat nur einen Haken – in Bezug auf alle möglichen und unmöglichen Parasiten möchte man es manchmal gar nicht so genau wissen…

Informationen über Parasiten bei Hunden und Katzen: www.esccap.ch  
Informationen zur Haltung von Hunden und Katzen generell: www.tiererichtighalten.ch