Wie bereits am 7. Mai berichtet, kämpft Japan mit der Maul- und Klauenseuche (MKS), nachdem das Land jahrelang MKS-frei war. Mehr als einen Monat später breitet sich die Epidemie immer noch aus. Inzwischen sind 289 Betriebe betroffen und über 180.000 Tiere mussten getötet werden. Japan spricht von einer nationalen Krise und schätzt die Kosten auf über 1,2 Milliarden Franken. Laut Japan ging zu Beginn der Epidemie wertvolle Zeit verloren. Christian Griot, Direktor des Instituts für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe (das Referenzlabor für MKS), erklärt, wie es dazu kommen konnte und das dies auch in der Schweiz passieren könnte.
Christian Griot, Japan spricht heute von einem Zeitverlust zu Beginn der Epidemie. Weshalb?
Ein MKS-Ausbruch kann eben sehr unspektakulär beginnen. Die Krankheit ist vermutlich zuerst bei Wasserbüffeln aufgetreten. Anfang März wurde ein Büffel wegen Durchfalls von einem Tierarzt untersucht. Das Tier zeigt keine typischen MKS-Symptome. Der Durchfall verschwand von selbst und die Angelegenheit galt als erledigt. Einen Monat später, am 9. April, und 600 Meter weiter hatte eine einzige Kuh kleine offene Stellen im Mund, Fieber, Appetitverlust und leicht erhöhten Speichelfluss. Weil nur ein Tier der ganzen Herde betroffen war und die Symptome eher milde waren, sah der Tierarzt von einer Probennahme ab und entschied sich, die Herde beobachten zu lassen. Erst am 16. April zeigten zwei weitere Tiere ähnliche Symptome wie das erste Tier. Der Tierarzt veranlasste deshalb erst jetzt eine Untersuchung auf Blauzungenkrankheit, IBR, BVD und Ibaraki. Am 19. April kamen die Resultate, alle negativ. Der Tierarzt schickte nun Proben zur MKS-Untersuchung ins nationale Referenzlabor. Am 20. April schliesslich stand die Diagnose MKS fest – 20 Tage nach Untersuchung des ersten Tieres. Ein folgenschwerer Zeitverlust bei einer derart hochansteckenden Seuche.
Weshalb hat man nicht schneller an MKS gedacht?
Bei Büffeln ist dies schwierig, weil die MKS da kaum typische Symptome auslöst. Die Tiere können gar während Monaten Virus ausscheiden, aber keine Symptome zeigen. Bei einem Durchfall, der von selbst aufhört, gibt es keinen Grund an MKS zu denken. Auch im anderen Betrieb ist die Reaktion des Tierarztes nachvollziehbar: wenn ein Tier von unspezifischen Symptomen betroffen ist, geht man nicht von einer hochansteckenden Seuche aus. Erst als mehrere Tiere betroffen waren, hätte man an MKS denken können.
Wäre ein solcher Zeitverlust auch bei uns möglich?
Ich denke schon. Wie die Schweiz verfügt Japan über einen kompetenten Veterinärdienst und ist seit 1980 MKS-frei. Dies ist ein wichtiger Punkt: Man vergisst gerne, dass die MKS nach wie vor eine Realität in vielen Ländern ist. Dabei muss man gar nicht nach Asien reisen, um die MKS im Felde zu beobachten; in der Türkei ist MKS fast alltäglich, vor allem im östlichen Teil des Landes. Sieht der Tierhalter wie auch der Tierarzt MKS ähnliche Symptome bei einem Tier, hat man die Tendenz, MKS auszuschliessen – „das kann ja nicht sein“. Man wartet also bis sich die Symptome klar zeigen. Dies kann fatal sein, denn das Virus kann sich rasch über Tiere, Waren und Personenverkehr und gar über den Wind über weite Distanzen ausbreiten.
Denkt man in der Schweiz zu wenig an MKS?
Viel zu wenig ! Wir erhalten jährlich höchstens 3 bis 4 Verdachtsfälle zur Untersuchung. Dabei sind die ersten Symptome der MKS wie starker Speichelfluss, Fieber und Milchrückgang bei Rindern recht häufig. Es müsste also mehr Verdachtsfälle geben. 2001 wütete die MKS in Grossbritannien: in diesem Jahr erhielten wir bedeutend mehr Proben. Sobald der Seuchenzug gestoppt war, ging die Probenzahl wieder dahin zurück, wo sie vorher war: im 2002 gab es in der Schweiz gar keinen einzigen MKS-Verdacht. Klar ist: der Grad der Wachsamkeit hat nicht nur mit den beobachteten Symptomen zu tun, sondern hängt stark auch von der Aktualität ab. Und dies ist gefährlich. Man kann so den Anfang einer Epidemie verpassen – mit drastischen Konsequenzen.
Was raten Sie Tierhaltenden und Tierärzten?
Sich informieren, wachsam sein, ans « Undenkbare » denken. Wir machen lieber eine Analyse zu viel, als den Beginn einer Epidemie zu verpassen. Was das bedeutet, haben wir im Ausbruch 2001 in England gesehen: 2030 betroffene Betriebe und über 7 Mio Tiere getötete Tiere.
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