30. Juni 2009 im Berner Käfigturm: Letzte Veranstaltung der Diskussionsserie  „Tierisch-Animal“ - diesmal zum Thema  „In Tiere vernarrt – weshalb wir die einen kraulen und die anderen essen „ – ein kleiner unvollständiger Einblick in die Diskussion.


Von links nach rechts: Annik Dubied, Olivier Pagan, Claudia Mertens, Franco Inderbitzin

„Danke, Farasi geht es gut.“ Oliver Pagan, Direktor des Zolli Basel, antwortet mit einem kleinen Seufzer auf die Eröffnungsfrage dieser letzten Podiumsdiskussion.   Farasi ist das kleine Nilpferd, für das ein Platz in einem anderen Zoo gesucht werden muss. Dass es zu einer Medienikone geworden ist, stört Pagan. „Ein Zootier ist hier als Vertreter seiner wildlebenden Artgenossen. Es muss sich arttypisch verhalten können und es muss sich insbesondere – wie die Elterntiere von Farasi – fortpflanzen können. Aber die Medien instrumentalisieren unsere Tiere. Sie machen aus ihnen personalisierte, vermenschlichte Publikumslieblinge. Das hat nichts mit der wissenschaftlichen Realität zu tun. Ein solcher Bezug zum Tier ist nicht gesund.“ Für Claudia Mertens, Biologin und Tierschutzfachfrau aus Zürich, werden Tiere oftmals als Projektionsfläche für menschliche Gefühle und Sehnsüchte benutzt. „Man findet insbesondere Tierbabys „herzig“, bringt ihnen starke Gefühle entgegen und sieht in ihnen reine und unschuldige Wesen. Sind die Tiere einmal ausgewachsen und zeigen die arttypischen Verhaltensweisen der Wildtiere, schwindet das Interesse des Publikums. Man konnte das bei Knut, dem Berliner Eisbären, sehr schön verfolgen.“ Aber profitieren die Zoos nicht von diesem Medieninteresse? Oliver Pagan relativiert: „Um die Menschen in den Zoo zu bringen, braucht es sicher emotionale Argumente. Wenn sie dann erst einmal im Zoo sind, können wir ihnen wissenschaftliche Informationen geben und wirkliche Aufklärungsarbeit leisten. Es ist eine Gratwanderung zwischen Emotionen und Wissenschaft.“

Für Annik Dubied, Soziologin der Universität Genf, ist die Präsentation von Tieren als Medienstars und Publikumslieblinge ein Zeichen der Zeit. „Unsere Studie zeigt klar, dass die Einstellung gegenüber Tieren seit mehreren Jahren im Umbruch ist.  Man will mehr Respekt und mehr Schutz für gewisse Tiere, man kommt von dem reinen Nützlichkeitsdenken weg, das noch vor 50 Jahren vorherrschte.“

Während Zootiere häufig Schlagzeilen machen, gelingt dies den Tieren, die zum Schlachthof geführt werden, nicht. Franco Inderbitzin, Tierarzt im Schlachthof St.Gallen lächelt: Es stimmt, man spricht selten über den Tod unserer Schlachttiere. Häufig wissen die Leute nicht einmal, dass ein Tierarzt den ganzen Prozess im Schlachtbetrieb – vom Tierschutz bis zur Fleischqualität - kontrolliert. Für Franco Inderbitzin ist das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten nicht immer widerspruchsfrei: „Man erregt sich zu Recht über die Schlachtiertransporte quer durch Europa, aber wenn es ans Bezahlen geht, wählt man trotzdem das billigere Fleisch in der Auslage.“

Annik Dubied erklärt: „Der Bezug zum Tier ist von Ambivalenz geprägt.“ Man ist bereit, die Tiere zu schützen, aber nur bis zu einem gewissen Grad – und einige Tiere mehr als andere. Es gibt so etwas wie eine unbewusste Hierarchie, die auch ins Spiel kommt, wenn es um den Verzehr von Tieren geht. Man isst Rinder ohne Probleme, aber man isst nicht seinen Hund. Je enger die Bindung zu einem Tier ist, desto weniger kann man sich vorstellen, es zu essen.“

Und unsere Gesprächsteilnehmer? Essen sie Fleisch? Alle nicken, beeilen sich aber – Zeichen der Zeit? – hinzuzufügen, dass sie „nur wenig“ Fleisch essen. Ein Teil des Publikums regt sich auf: „Wie kann man sich für den Tierschutz einsetzen und trotzdem Fleisch essen?“ Für Franco Inderbitzin ist das kein Widerspruch: „Für mich kommt es in erster Linie darauf an, dass das Tier artgerecht leben kann und sein Wohlergehen respektiert wird. Ist das der Fall, habe ich keinerlei Probleme damit, Fleisch zu essen. Aber das ist eine persönliche Entscheidung, die jede und jeder für sich treffen muss. „ Eine Dame aus dem Publikum, die sich als Veganerin outet, wendet ein: „Aber können Sie angesichts der Todesangst der Tiere ruhig bleiben?“ Franco Inderbitzin  antwortet: „Ich glaube nicht, dass Schlachttiere Todesangst ausstehen. Ich sehe manchmal, dass sie durch die neue Umgebung etwas gestresst sind, manchmal aber auch sehr neugierig auf dem neuen Terrain. Aber ich könnte sie nicht als Tiere in Todesangst beschreiben.“ Olivier Pagan ergänzt: „Im Rahmen unserer Animationsbemühungen im Zoo geben wir den Kindern die Möglichkeit, sich mit Haustieren zu beschäftigen. Sie können Schafe füttern, Lamas pflegen und wenn eines unserer Tiere geschlachtet werden muss, dürfen sie es begleiten, wenn sie wollen. Die Kinder zeigen sich angesichts des Todes sehr ruhig und gelassen; sicher gibt es manchmal Tränen, aber im Grossen und Ganzen ist das für sie ein normaler Vorgang.“ Franco Inderbitzin erinnert sich: „Als ich das erste Mal einen Schlachthof besuchte, war ich betroffen. Aber seither habe ich gelernt, mit dem Tod von Tieren umzugehen.“ Claudia Mertens findet das Schlusswort: „Je mehr wir über die Fähigkeiten von Tieren forschen, umso klarer wird, dass sie mehr wissen, können und spüren als wir gedacht hatten und z.T. immer noch denken. Womöglich erahnen sie auch ihren nahenden Tod. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass kein Tier der Welt so viele Probleme mit dem Tod hat wie der Mensch selbst.“