Debatte im Käfigturm: „Wir verlangen viel vom heutigen Gesellschaftshund“
Seit einigen Jahren, spätestens seit dem tragischen Beissunfall in Oberglatt, als ein Kindergärtler von drei Pitbulls zu Tode gebissen wurde, sucht die Schweiz intensiv nach Wegen, mit ihren Hunden umzugehen. Wie konnte der seit Tausenden von Jahren enge Begleiter des Menschen urplötzlich so umstritten werden? Um diese Frage drehte sich die Podiumsdiskussion „Hot Dogs“ am 16. Juni im Käfigturm Bern unter der Leitung des Journalisten Matthias Lauterburg.
Die Hundedebatte untersucht hat das Team der Genfer Soziologin Claudine Burton-Jeangros: „Bisse gab es schon immer. In den letzten Jahren hat sich aber das Umfeld verändert, wir verlangen mehr Sicherheit und in diesem Umfeld war ein Beissunfall wie in Oberglatt nicht mehr akzeptabel.“ Vom Beissunfall direkt betroffen war die Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel: „Ich habe vom tragischen Unfall im Autoradio gehört und wusste, dies wird vieles verändern.“ Die Toleranz gegenüber Hunden schwindet und gleichzeitig verlangen wir immer mehr einen vollkommen in die Gesellschaft integrierten Hund. „Wir legen heute Hunden einen Bypass, wir haben sie überall dabei, fordern aber auch viel Anpassung von ihnen“, sagt Vogel. Burton-Jeangros: „Hunde sind omnipräsent in unserer Gesellschaft, sie sind überall und bei Vorfällen merken wir, dass sie gefährlich sein können. Das irritiert.“
Für Vogel gibt es jedoch keine Urangst vor dem Hund an sich. „Im Alltag etwas zu begegnen, dass wir nicht kontrollieren können, das macht Angst. Diese Nicht-Bezwingbarkeit der Natur führt uns der Hund tagtäglich vor“, sagt Vogel. Für Heiner Studer, ehemals Nationalrat und Präsident der Subkommission, welche damals die Hundegesetzgebung ausarbeitete, kann man die Problematik nicht einfach auf eine diffuse Angst reduzieren: „Es passiert tatsächlich viel. Zu mir kommen immer wieder Eltern, deren Kinder auf dem Schulweg an auffälligen Hunden vorbei müssen. Wir sollten uns fragen, weshalb die schärfsten Hundegesetze immer am deutlichsten angenommen werden.“
Die NZZ-Journalistin und Hundehalterin Claudia Wirz erkennt in all dem nicht viel Neues: „Der Hund lebt seit 15.000 Jahren mit dem Menschen zusammen. Bei den Griechen und Römern waren Hunde sehr beliebt. Die biblischen Texte jedoch sind hundefeindlich. Hunde werden nur 5-mal erwähnt und dabei nur einmal positiv. Auch Massnahmen gegen Hunde gibt es seit langem. Im Mittelalter galt in Städten Leinenzwang und Berlin führte 1854 eine Maulkorbpflicht ein.“ Die heutige Debatte sieht sie kritisch: „Selbstverständlich müssen wir alles unternehmen, um so tragische Unfälle wie in Oberglatt möglichst zu verhindern. Mit dem Finger auf eine Minderheit zu zeigen, seien das Ausländer oder Hundehalter, ist jedoch zu einfach. Für mich ist das eine moderne Hexenjagd.“ Schliesslich könnten auch Pferde, Kühe oder Schlangen Menschen verletzen. „Aber nur mit dem Hund gehen wir auf der Bahnhofstrasse spazieren“, kontert Vogel.
Weshalb aber ist diese Debatte so schwierig? Für Studer gibt es zu wenig Gespräche zwischen den Beteiligten. „Ich vermisse da viel Dialogfähigkeit“, sagt er. Vogel erinnert an die Debatte im Zürcher Kantonsrat über die Hundegesetzgebung: „Auffällig war, dass alle Parteien gespalten waren.“ Offenbar hänge die Meinung bei dem Thema nicht von der Weltanschauung ab, sondern von den persönlichen Erfahrungen. Es sei deshalb auch nicht erstaunlich, dass sich jeder als Experte fühle und am Schluss die emotional überzeugendste Lösung gewinne. „Wir haben viel Aufklärung geleistet, sind aber letztendlich mit unserer fachlichen Argumentation nicht durchgedrungen“, sagt Vogel.
Sie stört sich aus fachlicher Sicht vor allem an den Rasseverboten – die heisseste Frage in den Hundedebatten. Für Vogel ist klar, dass es keine an sich gefährliche Rassen gibt. „Der gefährlichste Hund, der mir als Kantonstierärztin begegnet ist, war ein Labrador-Appenzeller-Mischling“, sagt sie. Bestimmte Rassen würden jedoch von einer Minderheit, die wenig von Hunden versteht, zum Imponieren missbraucht. Auch Wirz ist sachlich gesehen gegen Rasseverbote. „Politisch wäre es vielleicht klug gewesen, die von Bundesrat Deiss vorgeschlagene Rasseliste zu akzeptieren“, sagt Wirz. Damit hätte man wohl in der ganzen Schweiz eine einheitliche Regelung durchsetzen können.
Studer freut sich, dass es nun wohl bald eine Verfassungsgrundlage auf Bundesebene geben wird – und damit vorab eine Volksabstimmung. „Dies ist eine grosse Chance, um eine breite Debatte über Hunde zu führen“, sagt er. Wirz macht aber auch auf die Gefahr immer weiter gehender Regelungen aufmerksam: „Mit den eidgenössischen und all den kantonalen Gesetzen hat sich die Beziehung nicht verbessert. Man vertieft die Gräben. Hundehalter werden schikaniert. Und wer Angst vor Hunden hat, fühlt sich durch die Gesetzesflut darin bestärkt.“
In all den Debatten, auch hier im Käfigturm, fehlt Wirz ein wesentlicher Aspekt: „Hunde bringen der Gesellschaft viel und dies nicht nur als Lawinen- und Blindenhunde. Vielen Menschen ist die Beziehung zum Hund äusserst wichtig“, sagt sie. Und erntet mit dem Votum spontanen Applaus.



