Bundesamt für Veterinärwesen BVET

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Neues Blauzungenkrankheitsvirus?

Bei Routinekontrollen von Ziegen im Toggenburg ist ein bisher unbekanntes Orbivirus gefunden worden. Die Ziegen zeigten keinerlei Krankheitsanzeichen. Genetische Analysen zeigen, dass es sich um einen bisher unbekannten Virustyp der Blauzungenkrankheit handeln könnte. Was weiss man darüber? Handelt es sich um eine neue Bedrohung für unsere Wiederkäuer?  Wir sprachen darüber mit Martin Hofmann, einem Tierarzt des Instituts für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe (IVI) in Mittelhäusern. Er ist Mit-Autor einer wissenschaftlichen Studie, welche diese Woche publiziert wurde.

  
Martin Hofmann, wurde hier tatsächlich ein neuer Typ des Blauzungenvirus entdeckt?
Höchst wahrscheinlich. Die bisher durchgeführten genetischen Analysen zeigen, dass es sich sehr wahrscheinlich um ein Blauzungenvirus handelt. Doch es ist nicht einer der bisher bekannten 24 Serotypen. Also nehmen wir an, dass es sich um einen neuen Serotyp handelt. Um sicher zu sein, müssen wir allerdings noch die Bestätigung durch serologische Untersuchungen haben – da sind wir im Moment dran. Auch wenn wir das Virus neu entdeckt haben, könnte es trotzdem schon lange in Europa präsent sein, ohne dass es vorher aufgefallen wäre.


Müssen sich die Tierhalter Sorgen machen? Stellt dieses Virus eine Bedrohung für sie dar?
Nein, ganz klar nicht! Dieses Virus, dem man übrigens den Namen TOV gegeben hat – eine Abkürzung für „Toggenburger Orbivirus“, hat bei den untersuchten Ziegen kaum Anzeichen einer Krankheit hervorgerufen. Wir haben auch im Labor klinische Studien durchgeführt und auch unsere Labortiere zeigten nach einer Infektion keine Symptome.  Die Entdeckung des Virus durch unser Labor ist zwar vom wissenschaftlichen Standpunkt aus interessant, aber sie hat keinerlei Auswirkungen auf die Landwirtschaft – für die Tierhalter also kein Grund, sich um die Gesundheit ihrer Tiere Sorgen zu machen!


Die Rede ist von Ziegen. Wie steht es um die Schafe und Rinder?
Es gibt Hinweise darauf, dass möglicherweise ein beträchtlicher Teil der Ziegen in verschiedenen Regionen der Schweiz Kontakt zu dem Virus hatte. Unsere klinischen Studien haben zudem gezeigt, dass Schafe zwar auch eine immunologische Reaktion auf das Virus zeigen können, aber ebenfalls keine Krankheitsanzeichen entwickeln.  Was die Rinder anbetrifft, so haben wir mehrere hundert Tiere untersucht, ohne eine Spur des TOV zu finden. Alles deutet darauf hin, dass Rinder für das Virus nicht empfänglich sind. 


Ist die Schweiz ein Sonderfall? Warum hat man das TOV nicht auch anderswo entdeckt?
Man muss wissen, dass wir in der Schweiz in der Diagnostik von Blauzungenviren eine für Europa einmalige Nachweismethode verwenden. Wir haben am IVI eine Methode einer italienischen Arbeitsgruppe weiter entwickelt – und diese unsere Methode ist die einzige, welche das TOV nachweisen kann. Das erklärt, warum wir das einzige Land sind, in dem dieses Virus bemerkt wurde. Doch es ist anzunehmen, dass das Virus auch anderswo in Europa vorhanden ist.  


Wie geht es weiter?
Wir müssen die Diagnostik vorantreiben und unsere Methoden verbessern. Wir wollen auch epidemiologische Studien durchführen, um die Prävalenz und die Verbreitung des TOV in der Schweiz besser kennen zu lernen. Auch unsere Nachbarländer schlafen nicht: Sie werden sicher ihre Ziegen- und Schafpopulationen untersuchen, um zu sehen, ob das TOV dort auch vorkommt. Es wird interessant sein zu sehen, wie weit das TOV in Europa verbreitet ist.

Detaillierte Informationen finden sich in der wissenschaftlichen Publikation

Tierschutz ist den Schweizerinnen und Schweizern wichtig

Vergangenen Freitag hat Coop eine Studie zu den Tierschutz-Ansichten veröffentlicht. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wichtig Menschen in der Schweiz ethische Aspekte sind. Laut Studie halten 90 Prozent der Befragten den Tierschutz für wichtig – bei Nutztieren genauso wie bei Heimtieren. Nur 12 Prozent achten beim Kauf von Fleisch nie auf den Tierschutz.

Die Resultate bestätigen frühere Studien. So veröffentlichte das Bundesamt für Landwirtschaft im März 2007 eine Untersuchung dazu, welche Erwartung die Schweizer Bevölkerung an die Landwirtschaft hat. Die am häufigsten geäusserte Erwartung: „Einhaltung besonders strenger Tierschutzbestimmungen“.

Nicht nur Menschen in der Schweiz ist der Tierschutz wichtig. Auch in der Europäischen Union gaben in einer Befragung im Jahr 2005 43% der Personen an, beim Kauf von Fleisch meist oder gelegentlich an Tierschutz zu denken. Die Unterschiede in der EU sind jedoch gewaltig: In Schweden sind es 67%, in Deutschland 52% und in Tschechien 21%.

Die Erwartung der Schweizer Bevölkerung ist für die Schweizer Landwirtschaft Auftrag und Chance zugleich. Fragt man, was unter Tierschutz bei Nutztieren zu verstehen sei, nennen die meisten „ artgerechte Haltung/nach Tierschutzgesetz/tierwürdig“, wiederum nach der Studie von Coop. Für mich heisst das, dass wir mit überzeugenden Tierschutzbestimmungen die Bauern in der Schweiz unterstützen können.

Am zweithäufigsten wurden die Kriterien „Auslauf/Freilauf“ genannt. „Bewegung“ ist tatsächlich ein zentrales Bedürfnis von Tieren. Im Rahmen der Informationskampagne „Tiere richtig halten“ wollen wir in den kommenden Monaten denn auch die „Bewegung“ von allen Seiten beleuchten – bei Nutz- genauso wie bei Heimtieren.

Magazin UniPress: Eine Fakultät für Tiere

Im neuen UniPress der Universität Bern wird die Vetsuisse-Fakultät Bern von allen Seiten beleuchtet. Von BSE über Wirbelsäulen-Leiden bei Dackeln bis zu möglicherweise kommenden Krankheiten wie die Besnoitiose – das Heft zeigt die Vielfalt der heutigen Veterinärmedizin in Klinik und Forschung. Das Lesen lohnt sich: UniPress "Eine Fakultät für Tiere"