11. November 2010
Ein Ausbruch der Maul- und Klauenseuche MKS in der Schweiz hätte verheerende Folgen. Wie aber können sich Tierärzte auf den Ernstfall vorbereiten, wenn die Seuche seit Jahrzehnten nicht mehr aufgetreten ist? Die Europäische Union und die Schweiz schickten deshalb gut ein Dutzend Tierärztinnen und Tierärzte in die Türkei – zur Schulung. Mit dabei war Daniela Hadorn vom Bundesamt für Veterinärwesen. Die Schulung war von der Europäischen Kommission zur Kontrolle der Maul- und Klauenseuche (EuFMD) organisiert worden.
Weshalb die Türkei?
Abgesehen von der Gegend rund um Istanbul ist die Maul- und Klauenseuche in der Türkei weit verbreitet. Zudem war die Türkei bereit, uns Tierärztinnen und Tierärzte, natürlich unter Berücksichtigung von strengen Biosicherheitsmassnahmen, in die Seuchengebiete zu führen – keine Selbstverständlichkeit!
Haben Sie erkrankte Tiere gesehen?
Allerdings. In einem Dorf im Osten Anatoliens hatten wir die Gelegenheit, einen frisch mit Maul- und Klauenseuche verseuchten Tierbestand zu untersuchen. Schon von weitem war klar ersichtlich, dass die Tiere krank waren. Sie lahmten, waren apathisch, frassen kaum, speichelten – typische MKS-Symptome. Wir haben dann einzelne Tiere klinisch genau untersucht. Fast alle dieser untersuchten jungen Tiere waren schwer von der Krankheit betroffen. Viele hatten markante Schleimhautläsionen (offene Stellen) im Maul und zwischen den Klauen – ein Tier war nahe am Ausschuhen! Gerade den Jungtieren ging es teilweise sehr schlecht, da sie noch nicht geimpft waren. Den älteren Tieren sah man dagegen kaum etwas an, weil sie geimpft sind oder weil sie die Seuche durchgemacht haben und nun immun sind.
Wie geht die Türkei mit der MKS um?
Die Türkei leistet einen beeindruckenden Effort im Kampf gegen die Seuche. Ein wichtiges Ziel ist es, die Gegend um Istanbul und damit das Grenzgebiet zur EU MKS-frei zu halten. In den übrigen Gebieten ist eine Ausrottung aktuell sehr schwierig – unter anderem wegen ständiger illegaler Importe von verseuchten Tieren v.a. aus dem Iran. Mit halbjährlichen grossangelegten Impfkampagnen hält die Türkei im ganzen Land die Schäden der Seuche so gering wie möglich.
Frappierend war für mich der Unterschied zur Situation in Grossbritannien 2001. Ich konnte damals die britischen Behörden im Kampf gegen den gigantischen MKS-Ausbruch vor Ort unterstützen. Der Ausbruch war eine Krise der gesamten Gesellschaft: mit grossangelegten Tiertötungen, mit wirtschaftlichen Einbrüchen in der Landwirtschaft und im Tourismus, mit grosser Verunsicherung, mit Selbstmorden von Tierhaltern. In der Türkei dagegen ist die Krankheit für die Bauern Alltag – ein Alltag allerdings, der v.a. durch das Verkaufsverbot von infizierten Tieren massiv erschwert wird. Dies zeigte mir einmal mehr klar, dass Tierseuchenbekämpfung immer an die lokalen Gegebenheiten angepasst sein muss.
Was haben Sie für die Schweiz gelernt?
Steht man vor einer betroffenen Jungtiergruppe in der Türkei, scheint es offensichtlich, dass die Tiere an MKS leiden. Nicht bei allen Tieren sind die Symptome jedoch so klar ausgeprägt. Und gerade in der Schweiz denkt man bei solchen oder ähnlichen Symptomen nicht zuerst an MKS. Wir Tierärztinnen und Tierärzte müssen uns die Symptomatik deshalb immer wieder vor Augen führen und daran denken, dass die MKS jederzeit auftreten kann. Auch hierfür ist die Türkei ein gutes Beispiel: Viele Schweizerinnen und Schweizer machen in der Türkei Ferien. Es muss nur ein Schweizer Tourist verbotenerweise eine Wurst aus der Türkei mitnehmen und diese einem Schwein zu Fressen geben – dies reicht für einen Seuchenausbruch.
Auch für die Notfallplanung in der Schweiz habe ich einige Punkte mitgenommen. So haben wir etwa die Vorgaben für die Probenahme etwas angepasst. Wichtig war zudem der Austausch mit den erfahrenen Kollegen aus der Türkei und den Kollegen aus anderen europäischen Ländern über die MKS-Notfallplanung. Insgesamt war die nur wenige Tage dauernde Reise sehr wertvoll.