Bundesamt für Veterinärwesen BVET

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In Tiere vernarrt

30. Juni 2009 im Berner Käfigturm: Letzte Veranstaltung der Diskussionsserie  „Tierisch-Animal“ - diesmal zum Thema  „In Tiere vernarrt – weshalb wir die einen kraulen und die anderen essen „ – ein kleiner unvollständiger Einblick in die Diskussion.


Von links nach rechts: Annik Dubied, Olivier Pagan, Claudia Mertens, Franco Inderbitzin

„Danke, Farasi geht es gut.“ Oliver Pagan, Direktor des Zolli Basel, antwortet mit einem kleinen Seufzer auf die Eröffnungsfrage dieser letzten Podiumsdiskussion.   Farasi ist das kleine Nilpferd, für das ein Platz in einem anderen Zoo gesucht werden muss. Dass es zu einer Medienikone geworden ist, stört Pagan. „Ein Zootier ist hier als Vertreter seiner wildlebenden Artgenossen. Es muss sich arttypisch verhalten können und es muss sich insbesondere – wie die Elterntiere von Farasi – fortpflanzen können. Aber die Medien instrumentalisieren unsere Tiere. Sie machen aus ihnen personalisierte, vermenschlichte Publikumslieblinge. Das hat nichts mit der wissenschaftlichen Realität zu tun. Ein solcher Bezug zum Tier ist nicht gesund.“ Für Claudia Mertens, Biologin und Tierschutzfachfrau aus Zürich, werden Tiere oftmals als Projektionsfläche für menschliche Gefühle und Sehnsüchte benutzt. „Man findet insbesondere Tierbabys „herzig“, bringt ihnen starke Gefühle entgegen und sieht in ihnen reine und unschuldige Wesen. Sind die Tiere einmal ausgewachsen und zeigen die arttypischen Verhaltensweisen der Wildtiere, schwindet das Interesse des Publikums. Man konnte das bei Knut, dem Berliner Eisbären, sehr schön verfolgen.“ Aber profitieren die Zoos nicht von diesem Medieninteresse? Oliver Pagan relativiert: „Um die Menschen in den Zoo zu bringen, braucht es sicher emotionale Argumente. Wenn sie dann erst einmal im Zoo sind, können wir ihnen wissenschaftliche Informationen geben und wirkliche Aufklärungsarbeit leisten. Es ist eine Gratwanderung zwischen Emotionen und Wissenschaft.“

Für Annik Dubied, Soziologin der Universität Genf, ist die Präsentation von Tieren als Medienstars und Publikumslieblinge ein Zeichen der Zeit. „Unsere Studie zeigt klar, dass die Einstellung gegenüber Tieren seit mehreren Jahren im Umbruch ist.  Man will mehr Respekt und mehr Schutz für gewisse Tiere, man kommt von dem reinen Nützlichkeitsdenken weg, das noch vor 50 Jahren vorherrschte.“

Während Zootiere häufig Schlagzeilen machen, gelingt dies den Tieren, die zum Schlachthof geführt werden, nicht. Franco Inderbitzin, Tierarzt im Schlachthof St.Gallen lächelt: Es stimmt, man spricht selten über den Tod unserer Schlachttiere. Häufig wissen die Leute nicht einmal, dass ein Tierarzt den ganzen Prozess im Schlachtbetrieb – vom Tierschutz bis zur Fleischqualität - kontrolliert. Für Franco Inderbitzin ist das Verhalten der Konsumentinnen und Konsumenten nicht immer widerspruchsfrei: „Man erregt sich zu Recht über die Schlachtiertransporte quer durch Europa, aber wenn es ans Bezahlen geht, wählt man trotzdem das billigere Fleisch in der Auslage.“

Annik Dubied erklärt: „Der Bezug zum Tier ist von Ambivalenz geprägt.“ Man ist bereit, die Tiere zu schützen, aber nur bis zu einem gewissen Grad – und einige Tiere mehr als andere. Es gibt so etwas wie eine unbewusste Hierarchie, die auch ins Spiel kommt, wenn es um den Verzehr von Tieren geht. Man isst Rinder ohne Probleme, aber man isst nicht seinen Hund. Je enger die Bindung zu einem Tier ist, desto weniger kann man sich vorstellen, es zu essen.“

Und unsere Gesprächsteilnehmer? Essen sie Fleisch? Alle nicken, beeilen sich aber – Zeichen der Zeit? – hinzuzufügen, dass sie „nur wenig“ Fleisch essen. Ein Teil des Publikums regt sich auf: „Wie kann man sich für den Tierschutz einsetzen und trotzdem Fleisch essen?“ Für Franco Inderbitzin ist das kein Widerspruch: „Für mich kommt es in erster Linie darauf an, dass das Tier artgerecht leben kann und sein Wohlergehen respektiert wird. Ist das der Fall, habe ich keinerlei Probleme damit, Fleisch zu essen. Aber das ist eine persönliche Entscheidung, die jede und jeder für sich treffen muss. „ Eine Dame aus dem Publikum, die sich als Veganerin outet, wendet ein: „Aber können Sie angesichts der Todesangst der Tiere ruhig bleiben?“ Franco Inderbitzin  antwortet: „Ich glaube nicht, dass Schlachttiere Todesangst ausstehen. Ich sehe manchmal, dass sie durch die neue Umgebung etwas gestresst sind, manchmal aber auch sehr neugierig auf dem neuen Terrain. Aber ich könnte sie nicht als Tiere in Todesangst beschreiben.“ Olivier Pagan ergänzt: „Im Rahmen unserer Animationsbemühungen im Zoo geben wir den Kindern die Möglichkeit, sich mit Haustieren zu beschäftigen. Sie können Schafe füttern, Lamas pflegen und wenn eines unserer Tiere geschlachtet werden muss, dürfen sie es begleiten, wenn sie wollen. Die Kinder zeigen sich angesichts des Todes sehr ruhig und gelassen; sicher gibt es manchmal Tränen, aber im Grossen und Ganzen ist das für sie ein normaler Vorgang.“ Franco Inderbitzin erinnert sich: „Als ich das erste Mal einen Schlachthof besuchte, war ich betroffen. Aber seither habe ich gelernt, mit dem Tod von Tieren umzugehen.“ Claudia Mertens findet das Schlusswort: „Je mehr wir über die Fähigkeiten von Tieren forschen, umso klarer wird, dass sie mehr wissen, können und spüren als wir gedacht hatten und z.T. immer noch denken. Womöglich erahnen sie auch ihren nahenden Tod. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass kein Tier der Welt so viele Probleme mit dem Tod hat wie der Mensch selbst.“
 

Debatte im Käfigturm: „Wir verlangen viel vom heutigen Gesellschaftshund“

Seit einigen Jahren, spätestens seit dem tragischen Beissunfall in Oberglatt, als ein Kindergärtler von drei Pitbulls zu Tode gebissen wurde, sucht die Schweiz intensiv nach Wegen, mit ihren Hunden umzugehen. Wie konnte der seit Tausenden von Jahren enge Begleiter des Menschen urplötzlich so umstritten werden? Um diese Frage drehte sich die Podiumsdiskussion „Hot Dogs“ am 16. Juni im Käfigturm Bern unter der Leitung des Journalisten Matthias Lauterburg.

Die Hundedebatte untersucht hat das Team der Genfer Soziologin Claudine Burton-Jeangros: „Bisse gab es schon immer. In den letzten Jahren hat sich aber das Umfeld verändert, wir verlangen mehr Sicherheit und in diesem Umfeld war ein Beissunfall wie in Oberglatt nicht mehr akzeptabel.“ Vom Beissunfall direkt betroffen war die Zürcher Kantonstierärztin Regula Vogel: „Ich habe vom tragischen Unfall im Autoradio gehört und wusste, dies wird vieles verändern.“ Die Toleranz gegenüber Hunden schwindet und gleichzeitig verlangen wir immer mehr einen vollkommen in die Gesellschaft integrierten Hund. „Wir legen heute Hunden einen Bypass, wir haben sie überall dabei, fordern aber auch viel Anpassung von ihnen“, sagt Vogel. Burton-Jeangros: „Hunde sind omnipräsent in unserer Gesellschaft, sie sind überall und bei Vorfällen merken wir, dass sie gefährlich sein können. Das irritiert.“

Für Vogel gibt es jedoch keine Urangst vor dem Hund an sich. „Im Alltag etwas zu begegnen, dass wir nicht kontrollieren können, das macht Angst. Diese Nicht-Bezwingbarkeit der Natur führt uns der Hund tagtäglich vor“, sagt Vogel. Für Heiner Studer, ehemals Nationalrat und Präsident der Subkommission, welche damals die Hundegesetzgebung ausarbeitete, kann man die Problematik nicht einfach auf eine diffuse Angst reduzieren: „Es passiert tatsächlich viel. Zu mir kommen immer wieder Eltern, deren Kinder auf dem Schulweg an auffälligen Hunden vorbei müssen. Wir sollten uns fragen, weshalb die schärfsten Hundegesetze immer am deutlichsten angenommen werden.“

Die NZZ-Journalistin und Hundehalterin Claudia Wirz erkennt in all dem nicht viel Neues: „Der Hund lebt seit 15.000 Jahren mit dem Menschen zusammen. Bei den Griechen und Römern waren Hunde sehr beliebt. Die biblischen Texte jedoch sind hundefeindlich. Hunde werden nur 5-mal erwähnt und dabei nur einmal positiv. Auch Massnahmen gegen Hunde gibt es seit langem. Im Mittelalter galt in Städten Leinenzwang und Berlin führte 1854 eine Maulkorbpflicht ein.“ Die heutige Debatte sieht sie kritisch: „Selbstverständlich müssen wir alles unternehmen, um so tragische Unfälle wie in Oberglatt möglichst zu verhindern. Mit dem Finger auf eine Minderheit zu zeigen, seien das Ausländer oder Hundehalter, ist jedoch zu einfach. Für mich ist das eine moderne Hexenjagd.“ Schliesslich könnten auch Pferde, Kühe oder Schlangen Menschen verletzen. „Aber nur mit dem Hund gehen wir auf der Bahnhofstrasse spazieren“, kontert Vogel.

Weshalb aber ist diese Debatte so schwierig? Für Studer gibt es zu wenig Gespräche zwischen den Beteiligten. „Ich vermisse da viel Dialogfähigkeit“, sagt er. Vogel erinnert an die Debatte im Zürcher Kantonsrat über die Hundegesetzgebung: „Auffällig war, dass alle Parteien gespalten waren.“ Offenbar hänge die Meinung bei dem Thema nicht von der Weltanschauung ab, sondern von den persönlichen Erfahrungen. Es sei deshalb auch nicht erstaunlich, dass sich jeder als Experte fühle und am Schluss die emotional überzeugendste Lösung gewinne. „Wir haben viel Aufklärung geleistet, sind aber letztendlich mit unserer fachlichen Argumentation nicht durchgedrungen“, sagt Vogel.

Sie stört sich aus fachlicher Sicht vor allem an den Rasseverboten – die heisseste Frage in den Hundedebatten. Für Vogel ist klar, dass es keine an sich gefährliche Rassen gibt. „Der gefährlichste Hund, der mir als Kantonstierärztin begegnet ist, war ein Labrador-Appenzeller-Mischling“, sagt sie. Bestimmte Rassen würden jedoch von einer Minderheit, die wenig von Hunden versteht, zum Imponieren missbraucht. Auch Wirz ist sachlich gesehen gegen Rasseverbote. „Politisch wäre es vielleicht klug gewesen, die von Bundesrat Deiss vorgeschlagene Rasseliste zu akzeptieren“, sagt Wirz. Damit hätte man wohl in der ganzen Schweiz eine einheitliche Regelung durchsetzen können.

Studer freut sich, dass es nun wohl bald eine Verfassungsgrundlage auf Bundesebene geben wird – und damit vorab eine Volksabstimmung. „Dies ist eine grosse Chance, um eine breite Debatte über Hunde zu führen“, sagt er. Wirz macht aber auch auf die Gefahr immer weiter gehender Regelungen aufmerksam: „Mit den eidgenössischen und all den kantonalen Gesetzen hat sich die Beziehung nicht verbessert. Man vertieft die Gräben. Hundehalter werden schikaniert. Und wer Angst vor Hunden hat, fühlt sich durch die Gesetzesflut darin bestärkt.“

In all den Debatten, auch hier im Käfigturm, fehlt Wirz ein wesentlicher Aspekt: „Hunde bringen der Gesellschaft viel und dies nicht nur als Lawinen- und Blindenhunde. Vielen Menschen ist die Beziehung zum Hund äusserst wichtig“, sagt sie. Und erntet mit dem Votum spontanen Applaus.

Zahnüberzug als Beissschutz für Hunde: „noch viele offene Fragen“

Viele Medien berichten heute über einen neuen Beissschutz für Hunde, einen Zahnüberzug der Firma Saciri. Die Verhaltenstierärztin Linda Hornisberger untersucht zusammen mit Experten der Universität Bern den „Maulkorb-Ersatz“ momentan in einer Pilotstudie an 4 Hunden.

Viele Medien berichten heute begeistert vom neuen Beissschutz? Was verspricht der Zahnüberzug wirklich?

Linda Hornisberger: Zu meinem Bedauern ist die Berichterstattung ziemlich verherrlichend, obschon die Medien über die an der Vetsuisse Fakultät Bern laufende Pilotstudie informiert wurden. Letztendlich wissen wir noch sehr wenig darüber, ob sich der Beissschutz im Alltag bewährt. Zur Zeit könnte ich mir das Produkt am ehesten als Alternative des Maulkorbes vorstellen, wenn Hunde an der Leine geführt werden. Der Beissschutz ist ein innovativer Ansatz, aber sicher nicht DIE Lösung für das Problem der gefährlichen Hunde. Im Zentrum stehen weiterhin die Sozialisierung des Hundes und die Ausbildung des Halters.

Es wird mehrfach behauptet, Hunde mit dem Zahnüberzug können keine gefährlichen Verletzungen mehr verursachen. Stimmen Sie zu?

Das stimmt so sicher nicht. Der Zahnüberzug verhindert das Eindringen der Schneide- und Eckzähne ins Fleisch. Allerdings sind die hinteren Zähne nicht abgedeckt. Man bedenke, dass Hunde mit diesen Zähnen Knochen zerbeissen! Zudem konnten sämtliche 4 Hunde den Unterkieferteil des Standardmodells auch nach 3-wöchiger Angewöhnungszeit abstreifen. Laut Firma soll dies mit den neuen Standardmodellen nicht mehr möglich sein. Wir hatten auch ernst zu nehmende Hinweise dafür, dass die Hunde den Beissdruck mit dem Überzug eher verstärken und die Beisshemmung eher abnimmt. Dies wäre sehr problematisch und wir wollen dies nun weiter untersuchen.

Der Beissschutz wird als „tierfreundlicher Maulkorb“ präsentiert.

Der Maulkorb schränkt Hunde stark ein. Sie können zum Beispiel nichts mehr im Maul tragen, was mit dem Beissschutz möglich ist. Allerdings speicheln die von uns untersuchten Hunde stark und sie versuchen, den Zahnüberzug wieder abzustreifen. Wie gut sich Hunde daran gewöhnen können, werden erst Langzeitstudien zeigen. Auch lässt sich ein Teil unserer 4 Hunde den Beissschutz nicht gerne einsetzen. Aus diesem Grund scheint mir der Beissschutz für aggressive Hunde ungeeignet; das Einsetzen wäre zu gefährlich.

Was raten Sie einem Hundehalter, der sich jetzt für den Beissschutz interessiert?

Bezüglich der Anwendung und der Wirksamkeit des Beissschutzes sind noch viele Fragen offen. Deshalb rate ich zur Vorsicht. Die Hundehalter sollten sich unbedingt vorab mit einem qualifizierten Verhaltensspezialisten absprechen. Der Beissschutz kann in gewissen Fällen eine gute Lösung sein. Es ist nun wichtig, weiter Erfahrungen zu sammeln und umfassendere Studien durchzuführen, welche zur Zeit in Planung sind.

An der kantonal bewilligten Pilotstudie der Universität Bern sind die Spezialisten Linda Hornisberger, Philippe Roux und Peter Schawalder beteiligt. Leiter der Pilotstudie ist Urs Geissbühler.

 

Weshalb setzen sich Politiker für Tiere ein ?

Im Nachgang einer Studie der Universität Genf zum Verhältnis von Tier und Mensch, organisiert das Bundesamt für Veterinärwesen eine Veranstaltungsreihe im Politforum Käfigturm in Bern. Einige in den Diskussionen geäusserte Gedanken sind hier aufgeführt.

Ausschnitte aus der Diskussion am 2. Juni unter dem Titel “Von Hengsten und Hechten in der Politik”

 
Von links nach rechts: David Gerber, Hans Grunder, Hansueli Huber, Tiana Moser

Hansueli Huber, Chef des Schweizer Tierschutzes STS, freut sich: „Der Tierschutz wird in Bern endlich wahrgenommen. Unsere Politiker sind viel stärker für die Sache des Tieres sensibilisiert als noch vor 20 Jahren, was ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft ist.“ Die grünliberale Nationalrätin Tiana Moser widerspricht da keinesfalls: „Ich engagiere mit für Tiere aus Respekt vor dem Leben und für unsere Umwelt, in der wir leben.“ Hans Grunder, Nationalrat und Präsident der Bürgerlich-demokratischen Partei, unterstreicht: „Für die Schweizer Bevölkerung sind Tiere wichtig. Als Vertreter der Menschen müssen wir ihre Anliegen einbringen und diskutieren.“ Für den Soziologen David Gerber von der Universität Genf war dieses Engagement für Tiere in der durchgeführten Studie klar nachweisbar: Man spricht in unserer Gesellschaft viel über Tiere, heute noch mehr als früher.

Obwohl das Tierwohl für alle wichtig ist, gehen die Meinungen der Politiker doch auseinander. So ist es etwa für Grunder „nicht nötig, noch mehr gesetzlich vorzuschreiben. Anstatt die Dimension eines Stalles auf den Zentimeter genau zu definieren, informiert man die Leute besser, was ein Tier ist. Wenn ich meine Pferde im Regen nach draussen lasse, schreien die Leute Skandal, weil sie fälschlicherweise das Gefühl haben, die Tiere leiden. Es braucht nicht mehr Regeln, sondern mehr Information!“ Für Moser schliesst das eine das andere nicht aus: „Man muss auch klare Regeln haben, um den Leuten zu zeigen, dass einige Dinge einfach nicht akzeptabel sind – und das gilt nicht nur für Nutztiere, sondern auch für Heimtiere.“ Grunder stellt das in Frage: „Weshalb legen wir Vorschriften für Heimtiere fest, wenn wir sie nicht kontrollieren können? Die Bildung der Bevölkerung ist realistischer und effizienter.“ Es zeigt sich klar: Die Frage ist nicht, ob sich Politiker für Tiere engagieren, sondern nur mit welchen Mitteln und wie weit sie gehen.

Das stimmt auch für Wildtiere. Grunder, damals noch Kantonsrat in Bern, unterstützte die Vergiftung von Krähen, weil sie die Saat schädigten. Für Moser „muss es andere Lösungen geben als einfach alles auszuradieren, was einem stört“. Gerber meint dazu: „Das Verhältnis der Gesellschaft zum Tier ist ambivalent und der Platz des Tieres ist nicht geklärt.“

Tiere sind attraktive Themen. Eine Frage bleibt : Können es sich Politiker in der heutigen Gesellschaft erlauben, nicht für Tiere einzustehen ?

Auch wenn sich Huber über die neue Sensibilität unserer Politiker freut, glaubt er doch, dass sie in einer Sache zu weit gehen: bei den gefährlichen Hunden. Genau dies ist das Thema unserer nächsten Podiumsdiskussion am 16. Juni, um 18.30 Uhr, im Käfigturm. Wir diskutieren, weshalb die Hunde die Gesellschaft entzweien.

Die Fische und das Gesetz: Eine Klärung

Die Melander-Fischfarm in Oberriet, die geplante Fischfarm in Mollis im Kanton Glarus: Fischfarmen stehen plötzlich im Rampenlicht. Unerfreulich ist der Anlass, die Schliessung der Melanderfarm. Erfreulich ist das Interesse an Tierschutzfragen. In den medialen Diskursen tauchten dabei immer wieder falsche Behauptungen auf. Zudem nahmen einige die Melanderfarm zum Anlass, um weitergehende Tierschutzbestimmungen für Fischfarmen zu fordern. Punkto Melanderfarm: diese ist nicht wegen unklarer Bestimmungen gescheitert, sondern weil sich der Besitzer standhaft weigerte, die klaren Bestimmungen zur Betäubung einzuhalten.

Um Klarheit in die Diskussionen zu bringen, liste ich hier die wichtigsten Tierschutzvorschriften für Fischfarmen auf:

  • Wer eine Fischfarm betreiben möchte, braucht unter anderem eine Wildtier-Haltebewilligung vom kantonalen Veterinäramt. Dieses prüft, ob sämtliche Tierschutzbestimmungen eingehalten sind. Die Bewilligung muss erteilt werden, bevor in der Anlage Fische gezüchtet werden.
  • Eine Fischfarm muss von einer im Umgang mit Fischen ausgebildeten Person geführt werden. In der Tierschutzverordnung ist festgelegt, welche Berufe oder fachspezifischen Ausbildungen dazu befähigen und dass jede Person, die. Speisefische fängt, markiert, züchtet, hält oder tötet einen Sachkundenachweise erbringen muss. Bei bestehenden Fischfarmen und Fischzuchtanlagen gilt für den Nachweis dieser Ausbildungen eine Übergangsfrist bis zum 31. August 2013.
  • Fische müssen immer in Wasser mit guter Qualität gehalten werden.
  • Bei Fischen ist eine so genannte maximale Besatzdichte vorgeschrieben. In der Tierschutzgesetzgebung steht also, wie eng man Fische zusammen halten darf. Konkrete Zahlen gibt es dabei für Forellen- und Karpfenartige. Für andere Fischarten wird in Analogie entschieden.
  • Fische müssen bei der  Schlachtung wie alle Wirbeltiere  vor dem Töten betäubt werden. In der Tierschutzverordnung ist dabei aufgeführt, welche Betäubungsmethoden funktionieren und erlaubt sind.
  • Es gibt Vorschriften für den Umgang mit Fischen und das Transportieren von Fischen.
  • Alle bewilligten Fischfarmen müssen von den kantonalen Fachstellen mindestens alle 2 Jahre kontrolliert werden. Werden beanstandete Missstände nicht fristgerecht behoben, kann die Bewilligung entzogen werden.

Genügen diese Regeln, um eine tiergerechte Haltung von Fischen sicherzustellen? Reicht die Regelungsdichte? Diese Frage hat eine fachliche, aber auch eine politische Komponente. Fachlich bin ich überzeugt, dass wir genügend Grundlagen haben, um als Behörden eine tiergerechte Fischhaltung einzufordern. Wir dürfen nicht vergessen, dass erst mit der neuen Tierschutzgesetzgebung am 1. September 2008 klare Vorschriften für Fang und Haltung von Fischen in Kraft getreten sind. Weil die Betriebe Zeit brauchen für die Anpassungen, sind Übergangsfristen eingeführt worden. Diese Bestimmungen wurden von einer umfassenden Gruppe von Experten ausgearbeitet und wie die gesamte neue Tierschutzgesetzgebung breit vernehmlasst. Die jetzigen Vorschriften sind also der aktuelle gesellschaftliche Konsens.

Fische sind leidensfähige Wesen. Es ist diese wissenschaftliche Erkenntnis der vergangenen Jahre, die zu den nun geltenden, präzisen Tierschutzvorschriften geführt haben. Ich gehe davon aus, dass wir in den kommenden Jahren mehr über die Bedürfnisse und die Leidensfähigkeit von Fischen lernen werden. Auf dieser Basis werden wir in Zukunft unsere Tierschutzvorschriften für Fische wohl überdenken. Wir passen den Tierschutz immer wieder dem aktuellen Stand des Wissens an. Dies ist mit der soeben in Kraft gesetzten Tierschutzgesetzgebung vor wenigen Monaten geschehen.

Fleisch und Milch von geimpften Tieren sind sicher

Am 27. Januar verlangte die Stiftung für Konsumentenschutz im Zusammenhang mit der Impfung gegen Blauzungenkrankheit Rückstandsuntersuchungen in Fleisch und Milch. Werden Impfstoffe oder Arzneimittel bei Nutztieren eingesetzt, stellt sich immer die Frage der Rückstände in Lebensmitteln. Auch beim Impfstoff gegen die Blauzungenkrankheit haben die Experten des Instituts für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe (IVI) die Frage deshalb frühzeitig analysiert. Das Resultat ist klar: Fleisch und Milch von geimpften Tieren stellt für Konsumentinnen und Konsumenten keinerlei Risiko dar.

Diesen Schluss ziehen wir aus folgenden Fakten und Überlegungen:

  • Der im 2009 eingesetzte Impfstoff BTVPUR AlSapTM8 von Merial enthält abgetötete Blauzungenviren, Saponin (ein natürlicher Stoff aus Eichenrinde), Wasser und Aluminiumhydroxid. Das Virus und Saponin sind natürliche Stoffe, die im Körper des Tieres innert Stunden abgebaut werden – sie können keine Rückstände hinterlassen.
  • Aluminiumhydroxid ist ein gängiger Inhaltsstoff in Impfstoffen – sowohl in der Tiermedizin (Rinder-Impfstoff gegen Rauschbrand, Schweine-Impfstoff gegen Rotlauf,...) wie in der Humanmedizin (Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus, Hepatitis und weitere; die auch bei Kleinkindern ab dem 1. Geburtstag eingesetzt werden können). Die Verträglichkeit von Aluminiumhydroxid beim Menschen ist deshalb gut belegt. Es macht keinen Sinn, die Verträglichkeit der Substanz bei jedem neuen Impfstoff erneut zu untersuchen.
  • Der Impfstoff gegen Blauzungenkrankheit enthält 2,7 mg Aluminiumhydroxid pro Dosis. Die Menge ist sehr gering. Zum Vergleich: Nehmen Menschen bei Verdauungsproblemen bestimmte Kautabletten, dann schlucken sie das 30- bis 100-fache dieser Menge.
  • Rinder und Schafe, die in weniger als 1 Monat geschlachtet werden, müssen nicht geimpft werden. Diese Frist hat nichts mit Rückständen zu tun. Der Grund ist ein ganz anderer: Innert dieser kurzen Zeit kann die Impfung schlicht keinen Schutz aufbauen. Rückstände im Fleisch wären aber selbst dann kein Problem, wenn die Tiere am Tag nach der Impfung geschlachtet würden. Dies gilt umso mehr für eine Schlachtung mehrere Wochen nach der Impfung.
  • Entgegen der Mitteilung der Stiftung für Konsumentenschutz enthält der 2009 eingesetzte Impfstoff keine Schwermetalle.

Die Unbedenklichkeit der Impfungen gegen Blauzungenkrankheit für die Konsumentinnen und Konsumenten von Fleisch und Milch ist gut belegt. Aus fachlicher Sicht gibt es keinen Anlass für ein Rückstandsuntersuchungsprogramm während der jetzt anlaufenden Impfkampagne.

Die Impfung oder die Krankheit?

Nach einer intensiven Impfkampagne ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Immer wieder tauchen in Diskussionen Bedenken auf, die Impfung hätte zu Nebenwirkungen geführt. Sind die Impfstoffe sicher? Haben sie nicht Aborte und erhöhte Zellzahlen in der Milch ausgelöst? Und schliesslich: Hat die Impfung wirklich etwas gebracht?

Ein Blick auf eine Karte mit den Ausbrüchen 2008 in Europa führen einem den Nutzen der Impfung wortwörtlich vor Augen. Die Grenze zu Frankreich ist wie ausgestanzt, sind doch in unserem Nachbarland derart viele Fälle aufgetreten. In Zahlen: Frankreich hatte 2008 rund 30.000 Fälle zu verkraften, in der Schweiz waren es 35. Der Grund ist einfach: In Frankreich war die Impfung freiwillig, was nicht gereicht hat, um die Krankheit unter Kontrolle zu halten. Frankreich hat nun die Konsequenzen gezogen und für 2009 eine obligatorische Impfkampagne gestartet.

In der Schweiz hatten wir Glück und sind dank der Impfung weitgehend verschont geblieben. Eine Folge davon ist, dass wir uns der Auswirkungen der Krankheit nicht richtig bewusst sind. Dabei ist klar: Ohne obligatorische Impfkampagne wären wir in der Situation von Frankreich mit Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Fällen. Schauen Sie sich den Film eines Bauern-Ehepaars aus Frankreich auf unserer Seite an. Die wirtschaftlichen Folgen der Blauzungenkrankheit sind massiv und halten über Wochen an, selbst bei geringer Sterblichkeit. Die Tiere fressen wenig, zeigen Fruchtbarkeitsstörungen, rindern um – alles Symptome mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen.

Die Impfkampagne hat das wichtigste Ziel erreicht, die Schweizer Nutztierpopulation vor der Blauzungenkrankheit weitgehend zu schützen. Was aber ist mit den Nebenwirkungen? Hat die Impfung vielleicht mehr geschadet als genützt? Die Antwort ist Nein. Die drei verwendeten Impfstoffe wurden in der Schweiz und in Deutschland schon vor der Impfkampagne getestet. In den vergangenen Monaten haben zudem Forschende der Vetsuisse-Fakultät und von uns, dem BVET, Hunderttausende von Datensätzen ausgewertet. Bei all diesen umfangreichen Studien haben wir keinerlei Hinweise auf gravierende Nebenwirkungen gefunden. Die Impfkampagne 2008 hat sich gelohnt.

Im Februar startet die Impfkampagne 2009. Wir werten auch dieses Jahr den Nutzen und die Folgen der Impfungen gründlich aus. Auf dieser Basis werden wir mit den bäuerlichen Organisationen rechtzeitig diskutieren, wie wir die Bekämpfung der Blauzungenkrankheit in den nächsten Jahren fortführen. Eines ist klar: Die Impfkampagne ist eine Dienstleistung für die Landwirtschaft und macht nur Sinn, wenn die Landwirtschaft diese auch möchte. 

Weitere Informationen: www.bluetongue.ch 

Vom gemeinsamen Veterinär- zum gemeinsamen Agrarraum

Am 1. Januar 2009 wird der gemeinsame Veterinärraum Schweiz-EU Realität. Grenztierärztliche Kontrollen an den Landesgrenzen fallen weg; der Handel mit Tieren und landwirtschaftlichen Erzeugnissen wird erleichtert. Tierseuchen, die sich nicht an Landesgrenzen halten, werden grossflächig bekämpft. Aus fernen Ländern importierte Produkte und Lebensmittel werden sicherer, weil die Schweiz zusammen mit der EU die Kontrolle vor Ort verstärken kann. Der gemeinsame Veterinärraum hilft der Schweizer Landwirtschaft und ist ein Plus für Konsumentinnen und Konsumenten.

Die Bemühungen für einen sicheren, gemeinsamen Veterinärraum haben wir seit den Verhandlungen zu den Bilateralen Abkommen in den 90er Jahren konsequent verfolgt und Schritt für Schritt umgesetzt. Seit 2002 haben wir gleichwertige Tierseuchenbestimmungen wie die EU und seit 2005 auch für die Produktion von Lebensmitteln tierischer Herkunft. 2006 wurden die veterinärmedizinischen Zeugnisse überflüssig. 2009 sind nun alle Voraussetzungen erfüllt, um sämtliche grenztierärztlichen Kontrollen gegenüber der EU abzuschaffen. Dies führt im Handel zu Einsparungen in Millionenhöhe.

In den 90er Jahren war das Ziel eines Freihandelsabkommens im Agrar- und Lebensmittelbereich noch nicht vor Augen. Ursprünglich für die gegenseitige Öffnung des Käsemarktes, stellen wir heute fest, dass der gemeinsame Veterinärraum auch eine Grundlage für dieses Abkommen ist. Die Verhandlungen dazu haben erst begonnen. Das nächste Ziel, die nächste Vision, ist jedoch bereits gesetzt: Schweizer Bäuerinnen und Bauern und die Lebensmittelverarbeiter sollen ihre qualitativ hochstehenden Produkte ungehindert in der gesamten EU verkaufen können, einem Markt mit 490 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten. Das Gleiche wird selbstverständlich auch umgekehrt für Produkte aus der EU gelten. Ich bin mir sicher, dass wir gute Trümpfe in der Hand haben und die Chance nutzen werden dank bekannten Marken, guter Qualität und hoher Sicherheit. Gesunde, tiergerecht produzierte und ökologisch nachhaltige Produkte sind gefragt. Viele Konsumentinnen und Konsumenten werden deshalb auch bei Lebensmitteln Schweizer Qualität schätzen lernen.

Campylobacter: ein altes Problem macht Schlagzeilen

In den letzten Tagen wurden in Zeitungen Artikel mit Überschriften wie „Schweizer Hühner sind verseucht“, „Geflügelfleisch stark von Bakterien befallen“ oder „Die Bevölkerung isst sich krank“ veröffentlicht. Die Beiträge zeigen, dass viele Campylobacter als neue Bedrohung ansehen. Das ist falsch. Campylobacter hat weltweit, auch in der Schweiz, schon immer Menschen befallen und heftige Durchfälle ausgelöst. Da sein viel bekannteres Pendant, die Salmonellen, besonders in der Schweiz erfolgreich zurückgedrängt werden konnte, führt Campylobacter seit Jahren zu weitaus mehr Erkrankungen als Salmonellen.

Menschen stecken sich bei weitem nicht nur über den Kontakt oder Konsum von schlecht erhitztem Schweizer Poulet an. Weitaus mehr Menschen lesen Campylobacter auf Auslandreisen auf, andere durch Kontakt zu Haustieren. Campylobacter ist ein häufiger Darmbewohner in Tieren und macht gerade Hühner nicht krank. Um die Situation im Auge zu behalten, bestimmten wir jeweils im Frühjahr den Campylobacter-Befall in Mastpouletherden – mit Werten bis zu 45 Prozent. 2008 nun massen wir Campylobacter jeden Monat und fanden wie erwartet einen ausgeprägten Anstieg in den Sommermonaten. Der Spitzenwert im August lag bei 90 Prozent. Jeden Sommer steigen die Campylobacter-Werte an. Ob sie jeden Sommer derart stark zunehmen, werden erst die Untersuchungen der kommenden Jahre zeigen.

Konsumierende können sich im Prinzip relativ einfach schützen: Pouletfleisch gut durchbraten und nach dem Berühren von rohem Fleisch die Hände gründlich waschen. Und dennoch ist die Situation nicht zufriedenstellend. Wir möchten den Campylobacter-Befall in Mastpouletställen durch vorbeugende Hygienemassnahmen senken. Auch die hygienischen Massnahmen im Schlachthof gilt es zu prüfen. Fertige Konzepte gibt es dazu nicht. Auch nach der Arbeitssitzung vom 18. Dezember werden wir diese Konzepte nicht haben. Zu verhindern, dass Campylobacter in Mastpouletställe gelangt, ist nicht ganz einfach. Der Keim kann über unzählige Wege eingetragen werden. Man wird viele Lösungsansätze testen müssen und es braucht wohl einige Jahre, bis sich die Situation nachhaltig verbessert.

Weitere Informationen zu Campylobacter finden Sie hier.

Neues Blauzungenkrankheitsvirus?

Bei Routinekontrollen von Ziegen im Toggenburg ist ein bisher unbekanntes Orbivirus gefunden worden. Die Ziegen zeigten keinerlei Krankheitsanzeichen. Genetische Analysen zeigen, dass es sich um einen bisher unbekannten Virustyp der Blauzungenkrankheit handeln könnte. Was weiss man darüber? Handelt es sich um eine neue Bedrohung für unsere Wiederkäuer?  Wir sprachen darüber mit Martin Hofmann, einem Tierarzt des Instituts für Viruskrankheiten und Immunprophylaxe (IVI) in Mittelhäusern. Er ist Mit-Autor einer wissenschaftlichen Studie, welche diese Woche publiziert wurde.

  
Martin Hofmann, wurde hier tatsächlich ein neuer Typ des Blauzungenvirus entdeckt?
Höchst wahrscheinlich. Die bisher durchgeführten genetischen Analysen zeigen, dass es sich sehr wahrscheinlich um ein Blauzungenvirus handelt. Doch es ist nicht einer der bisher bekannten 24 Serotypen. Also nehmen wir an, dass es sich um einen neuen Serotyp handelt. Um sicher zu sein, müssen wir allerdings noch die Bestätigung durch serologische Untersuchungen haben – da sind wir im Moment dran. Auch wenn wir das Virus neu entdeckt haben, könnte es trotzdem schon lange in Europa präsent sein, ohne dass es vorher aufgefallen wäre.


Müssen sich die Tierhalter Sorgen machen? Stellt dieses Virus eine Bedrohung für sie dar?
Nein, ganz klar nicht! Dieses Virus, dem man übrigens den Namen TOV gegeben hat – eine Abkürzung für „Toggenburger Orbivirus“, hat bei den untersuchten Ziegen kaum Anzeichen einer Krankheit hervorgerufen. Wir haben auch im Labor klinische Studien durchgeführt und auch unsere Labortiere zeigten nach einer Infektion keine Symptome.  Die Entdeckung des Virus durch unser Labor ist zwar vom wissenschaftlichen Standpunkt aus interessant, aber sie hat keinerlei Auswirkungen auf die Landwirtschaft – für die Tierhalter also kein Grund, sich um die Gesundheit ihrer Tiere Sorgen zu machen!


Die Rede ist von Ziegen. Wie steht es um die Schafe und Rinder?
Es gibt Hinweise darauf, dass möglicherweise ein beträchtlicher Teil der Ziegen in verschiedenen Regionen der Schweiz Kontakt zu dem Virus hatte. Unsere klinischen Studien haben zudem gezeigt, dass Schafe zwar auch eine immunologische Reaktion auf das Virus zeigen können, aber ebenfalls keine Krankheitsanzeichen entwickeln.  Was die Rinder anbetrifft, so haben wir mehrere hundert Tiere untersucht, ohne eine Spur des TOV zu finden. Alles deutet darauf hin, dass Rinder für das Virus nicht empfänglich sind. 


Ist die Schweiz ein Sonderfall? Warum hat man das TOV nicht auch anderswo entdeckt?
Man muss wissen, dass wir in der Schweiz in der Diagnostik von Blauzungenviren eine für Europa einmalige Nachweismethode verwenden. Wir haben am IVI eine Methode einer italienischen Arbeitsgruppe weiter entwickelt – und diese unsere Methode ist die einzige, welche das TOV nachweisen kann. Das erklärt, warum wir das einzige Land sind, in dem dieses Virus bemerkt wurde. Doch es ist anzunehmen, dass das Virus auch anderswo in Europa vorhanden ist.  


Wie geht es weiter?
Wir müssen die Diagnostik vorantreiben und unsere Methoden verbessern. Wir wollen auch epidemiologische Studien durchführen, um die Prävalenz und die Verbreitung des TOV in der Schweiz besser kennen zu lernen. Auch unsere Nachbarländer schlafen nicht: Sie werden sicher ihre Ziegen- und Schafpopulationen untersuchen, um zu sehen, ob das TOV dort auch vorkommt. Es wird interessant sein zu sehen, wie weit das TOV in Europa verbreitet ist.

Detaillierte Informationen finden sich in der wissenschaftlichen Publikation

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